Aktuelle Beiträge

Wie sehen Schülerinnen und Schüler aus dem Eichsfeld die Folgen der Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren, die sie selbst nur vom Erzählen und vom Hörensagen her kennen? Schüler*innen aus Duderstadt und Dingelstädt produzierten einen Podcast und interviewten ihre Eltern, Großeltern und Passant*innen aus der Straße. Corona- und lockdownbedingt konnten keine Originalaussagen aufgenommen und verarbeitet werden. Die Kernaussagen aus den persönlichen Gesprächen und die eigenen Meinungen dazu werden von den Teilnehmer*innen selbst wiedergegeben.

Episode 1:

Episode 2:

Episode 3:

 

In diesem Interview hat Felix R. seine Großeltern Albert und Rosemarie zur innerdeutschen Grenze befragt. Sie haben als Zeitzeugen und DDR-Bürger die Entwicklung der innerdeutschen Grenze von der Errichtung bis zu ihrem Fall miterlebt. Damals wie heute leben sie nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt in Martinfeld. Im Interview konfrontieren wir sie mit Fragen, die wir uns zur damaligen Situation stellen. Albert und Rosemarie schildern, welche Rolle die Teilung Deutschlands in ihrem Leben spielte und welche Erfahrungen sie mit der Grenze gemacht haben. Das Video entstand in Zusammenarbeit von Jugendlichen aus Duderstadt (Niedersachsen) und Dingelstädt (Thüringen).

Marco Wanderwitz, Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, wendet sich mit seiner Grußbotschaft direkt an die Schüler*innen, die im vergangenen Jahr am Projekt „Begegnungen Deutsche Einheit“ teilgenommen haben. Dieser multimediale Blog, den die Schüler*innen durch ihre Beiträge gestaltet haben, sei Ausdruck ihrer Kreativität und Neugier in der Auseinandersetzung mit drei Jahrzehnten Deutscher Einheit. Und die Beiträge der Jugendlichen aus den alten und neuen Bundesländern zeigen: der Austausch zwischen den Jugendlichen und die Möglichkeit, ihre Perspektive einbringen zu können, sind mehr denn je wichtig.

Als Projektpartner bedanken wir uns bei Herrn Wanderwitz und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie für die Zusammenarbeit und die Unterstützung bei der Durchführung des Projekts.

Die Autorin Katharina Warda ist eine Schwarze Ostdeutsche. Ihre Erfahrungen der Wendezeit kommen in den Geschichtsbüchern nicht vor. Mit ihrem Audioprojekt „Dunkeldeutschland“ gibt sie sich selbst und anderen, denen es ähnlich geht, eine Stimme.

Das Gespräch führt Gesine Stauch, Berlin

 

Du bist in den 1980ern als Tochter einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters geboren und in der Kleinstadt Wernigerode in Ostdeutschland aufgewachsen. Worüber identifizierst du dich?

In meiner Arbeit und meinem Engagement bezeichne ich mich als Person of Color (Näheres zum Begriff im Infokasten unter dem Text) oder als Schwarze Ostdeutsche. Ich bezeichne mich auch als Unterschichtenkind. Einen Großteil meines Lebens wurde ich diskriminiert wegen der finanziellen Situation meiner Familie und der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Diese Erfahrungen sind bis heute Teil meiner Identität.

Was bedeutet es für dich, ostdeutsch zu sein, welche Erfahrungen verbindest du damit?

Meine Erfahrungen sind stark vom Wendechaos und dem gesellschaftlichen Umbruch geprägt. Einerseits von den Erinnerungen an die Normalität, den Alltag in der DDR, andererseits vom Systemwechsel, dem Chaos und der Perspektivlosigkeit der Wende. Dazu gehören die „Westeuphorie“, aber auch die Arbeitslosigkeit meiner Eltern und die Folgen für meine Familie.

Welche Folgen waren das?

Meine Mutter wurde depressiv, mein Stiefvater war Alkoholiker und brachte sich um. Mich prägen auch Erfahrungen, die meine Familie nicht gemacht hat, ich aber: rechtsextreme Gewalt und ein rassistischer Alltag, aber auch Punkrock, Exzess und Eskalation. Wäre ich woanders aufgewachsen, hätte ich all diese Erfahrungen so nicht gemacht. Daher ist das Ostdeutsche ein wichtiger Teil von mir. Im Alltag wird mir aber das Ostdeutsch- und Deutschsein oft abgesprochen. Bis ich nach Berlin zog, wurde ich häufig von fremden Personen auf der Straße gefragt, wo ich herkomme. Wenn ich sage, aus Wernigerode, wird das nicht akzeptiert. Sie bohren so lange nach, bis eine Information kommt, mit der sie mich als Fremde einteilen können. Obwohl ich genauso ostdeutsch oder deutsch bin wie die Person, die gefragt hat.

Findest du deine Erfahrungen auch in der kollektiven Erinnerung“ an die Wiedervereinigung und die Nachwendezeit wieder – also vor allem im Rahmen der Aufarbeitung in den Medien?

Wenn man über den Osten spricht, kommen Erfahrungen von Schwarzen und PoC aus dem Osten nicht vor. Dabei gibt es genug PoC, die seit Jahrzehnten über den Osten sprechen und versuchen, vielfältige ostdeutsche Erfahrungen in die Medien zu bringen. Wenn sie gehört werden, werden sie nur als Einzelbeispiele und nicht als „normale“ Ostdeutsche behandelt. Im gesamtdeutschen Zusammenhang ist die ostdeutsche Sichtweise also eine weiße Sichtweise. Das wird so nicht gesagt, aber ganz selbstverständlich angenommen.

Was geht dadurch verloren?

PoC gibt es seit Jahrhunderten in Deutschland. Es gab Schwarze und andere nicht weiße Menschen auch in der DDR, das war und ist keine einheitlich weiße Gesellschaft. Schwarze Ostdeutsche haben genauso ostdeutsche Erfahrungen gemacht wie weiße Ostdeutsche. Zusätzlich erleben sie Rassismus. Typisch ostdeutsche Erfahrungen waren beispielsweise Arbeitslosigkeit und Jobsuche nach der Wende. Schwarze hatten zusätzlich mit rassistischer Diskriminierung bei der Jobsuche zu tun. Das taucht aber in der Erzählung über die Wiedervereinigung nicht auf. Gerade in den 1990ern waren auch rassistische und rechtsextreme Gewalt Riesenthemen und lebensbedrohlich für viele Menschen. Auch ich habe mich ständig in einer möglicherweise lebensgefährlichen Situation gesehen. Nicht nur durch eigene, sondern auch durch Erfahrungen von anderen. Diese Gewalt, die Täter*innen und die Angst vor ihnen gehören zur ostdeutschen Geschichte dazu. Viele Geschichten fehlen da, etwa jüdische und linke Sichtweisen, aber auch und vor allem die Geschichten von Schwarzen und PoC. Es ist ironisch, denn einerseits gilt der Osten als Ort rechter Gewalt, andererseits geht man davon aus, dass der Osten weiß ist. Und da frage ich mich immer: Merkt ihr nicht den Widerspruch? Wie kann denn der Osten ein Ort für rechte Gewalt und Rassismus sein, wenn es angeblich keine PoC gibt? Ein Beispiel dafür ist die ARD-Doku „Wir Ostdeutsche – 30 Jahre im vereinten Land“. Dort wird die Geschichte der Wiedervereinigung durch Erfahrungen von vielen unterschiedlichen Personen erzählt. Aber es sind alles weiße Personen.

In Deutschland werden Schwarze Menschen in den Medien wenig gezeigt und sind auch in der Politik kaum vertreten. Hattest du als Kind Schwarze Vorbilder und eine Community?

Es gab absolut keine Community. Ich hatte auch keine Schwarzen Vorbilder und habe sie bis heute nicht. Als Kind habe ich viel Fernsehen geguckt, aber Schwarze Personen gab es nur im US-amerikanischen Fernsehen. In den 1990ern schauten wir alle die Bill-Cosby-Show, die erstmals eine Schwarze Familie aus der Mittelschicht als Hauptpersonen hatte. Dort Schwarze als normale Menschen zu sehen, fand ich gut, aber ihre Situation war weit weg von mir.

Wieso? Wie sah dein Alltag aus?

Wir waren die typischen Wendeverlierer: Meine Eltern waren Fabrikarbeiter in der DDR, mit der Wiedervereinigung verloren sie ihre Arbeit. Beide kamen überhaupt nicht klar mit den neuen Verhältnissen. Die Probleme, für die ich in der Zeit gern ein Ventil oder Antworten gehabt hätte – Depression, Alkoholismus, Suizid – gab es in der Bill-Cosby-Show nicht. Der Widerspruch zwischen der Show und meiner Familie zeigt, dass Schwarze nicht automatisch die gleichen Erfahrungen machen. Es gab zwar PoC in meiner Stadt, aber ich habe mich nicht automatisch mit ihnen verbunden gefühlt. Erst seitdem ich in der Öffentlichkeit stehe, vernetze ich mich mit PoC aus dem Osten, um mich mit ihnen über Rassismuserfahrungen auszutauschen.

In deinem Projekt „Dunkeldeutschland“ geht es um die persönlichen Erfahrungen verschiedener Menschen aus Wernigerode, deiner Heimatstadt, während der Wiedervereinigung. Warum heißt das Projekt „Dunkeldeutschland“?

Mit dem Wort – als Schimpfwort für DDR und Osten – bin ich aufgewachsen. Angeblich ist es entstanden, weil es in der DDR keine Straßenreklamen gab und dadurch im Gegensatz zum Westen nachts die Straßen dunkel waren. Damit wurde eine wirtschaftliche Rückständigkeit angedeutet. Gerade in der Zeit der Wiedervereinigung hat man sich damit über den Osten lustig gemacht und ihn abgewertet. 2015 verwendete es der damalige Bundespräsident Joachim Gauck, als er zu Recht die rassistische und rechte Gewalt bei den Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte in Heidenau verurteilte. Dabei drückte er eine moralische Rückständigkeit des Ostens aus. Es gibt also ein „dunkles“ Deutschland, das Deutschland der Hetzer*innen, Täter*innen und Anstifter*innen, und dem gegenüber steht ein „helles“ Deutschland des bürgerschaftlichen Engagements. Alles Schlechte in Deutschland kommt scheinbar aus dem Osten, ohne das dann mal genauer zu betrachten oder das Problem zu lösen. Was tatsächlich in Ostdeutschland passiert, wird davon überdeckt. Geschichten der Opfer von rechter Gewalt oder wie die meiner Punkclique und von vielen anderen bleiben dabei „im Dunkeln“ – deshalb erzähle ich sie in meinem Projekt.

Wenn ostdeutsche Personen oder Orte in den Schlagzeilen sind, dann oft wegen rechtsextremer und rassistischer Vorfälle. Woher kommt das einseitige Bild, das viele von Ostdeutschland und Ostdeutschen haben?

Einerseits gab es im Osten meiner Wahrnehmung nach schon vor der Jahrtausendwende  mehr Vorfälle*. Andererseits unterscheidet sich die Berichterstattung über die Gewalt. Wird über Fälle von rechter und rassistischer Gewalt in Westdeutschland gesprochen, werden oft einzelne Orte wie Hanau oder Solingen als Beispiele genannt. Geht es um Rechtsextremismus in Ostdeutschland, spricht man eher über „den Osten“. In der gesamtdeutschen Erzählung über den Osten kommen auch wenig andere Themen vor.

Außerdem wird so getan, als betreffen diese Vorfälle die Gesamtgesellschaft nicht. Geht es um rassistische und rechtsextreme Gewalt, wird zwischen „uns Normalen“ und „den Anderen“ unterschieden: Es geht aber nicht um „Fremden“ oder Ausländer*innen, denn auch Deutsche, nämlich Schwarze Deutsche, erleben Rassismus. Die Opfer werden mit der Bezeichnung Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit zu „Anderen“ gemacht. „Wir“ als Gesellschaft haben mit beiden Gruppen vorgeblich nichts zu tun Das Fremdmachen sagt den Opfern: Ihr und eure Erfahrungen seid nicht normal. „Wir Normalen“ haben aber auch mit den Tätern nichts zu tun. „Wir“ als Gesellschaft haben kein Rassismusproblem, sondern es gibt nur einzelne Rassist*innen. Durch dieses Wegschieben auf „die Anderen“ wird das Problem Rassismus nicht ernst genug genommen. Stattdessen brauchen wir eine ehrliche und direkte Auseinandersetzung mit diesen Problemen, innerhalb Ostdeutschlands und in ganz Deutschland.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Infobox I:

Was bedeutet eigentlich weiß, Schwarz und Person of Color?

Mit den Bezeichnungen und Schreibweisen ist es ähnlich wie beim Gendern: Es gibt bislang keine allgemeingültige Lösung. Weiß, Schwarz und PoC wird vor allem von Betroffenen bzw. dann verwendet, wenn es um Rassismus geht.

Person of Color (PoC) ist eine Formulierung, die aus dem Englischen übernommen wurde. Sie ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die von der weißen Mehrheitsbevölkerung als fremd, aber nicht unbedingt als Schwarz wahrgenommen werden. Der Begriff wird also von und für Menschen verwendet, die von Rassismus betroffen sind.

Warum ist hier aber von weißen (kursiv) und Schwarzen (großgeschrieben) Menschen die Rede? Mit weiß ist keine Hautfarbe, sondern eine gesellschaftspolitische Norm und Machtposition gemeint. Der Begriff wird als Gegensatz zu People of Color verwendet. Dabei müssen sich weiße Menschen nicht zwingend selbst als weiß oder privilegiert fühlen.

Auch bei Schwarz handelt es sich nicht um die Beschreibung einer Hautfarbe, sondern um eine politische Selbstbezeichnung. Auch diese Bezeichnung und seine Schreibweise ist aus dem Englischen (Black) übernommen. Es geht also auch hier nicht um eine „biologische“ Eigenschaft, sondern um gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten – um das deutlich zu machen, wird die im Deutschen für Adjektive unübliche Großschreibung verwendet.

* Bis heute ist es zum Teil schwierig, die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten im Osten und im Westen zu vergleichen, da diese Zahlen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich erfasst werden. Etwa ab 2001 sind höhere Zahlen in den östlichen Bundesländern wissenschaftlich nachweisbar.

 

Infobox II:

Katharina Warda (35) ist Autorin mit den Schwerpunktthemen Ostdeutschland, Rassismus, Klassismus und Punk und schreibt eine Doktorarbeit zu Tagebuch-Blogs und marginalisierten Identitäten in Berlin und Princeton, USA. Gerade arbeitet sie an einem kritischen Podcast zum Osten und ihrem Projekt „Dunkeldeutschland“, das über biografische Geschichten ihrer ehemaligen Punk-Clique die Wendezeit ihrer Heimatstadt von den sozialen Rändern aus erzählt.


Copyright: Alena Schmick

Erstellt von Elisabeth Geisler

Erstellt von Sandra Schaftner

Erstellt von Sandra Schaftner

 

 

Mama bleibt zuhause, Papa arbeitet – diese Rollenverteilung hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Dafür ist auch die Rolle der Frau in der DDR verantwortlich, die etwas anders war als in der alten BRD. Doch was stimmt an dem Bild von den gleichberechtigten Frauen in der DDR?

30 Jahre Deutsche Einheit, aber die Geschlechterrollen in Ost- und Westdeutschland unterscheiden sich bis heute. Beispielsweise verzichten Frauen mit Kindern in Westdeutschland häufiger auf einen Vollzeitjob, als Mütter in Ostdeutschland. Das hat Tradition: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Frauen in Westdeutschland typischerweise Mütter und Hausfrauen, bis 1977 durften sie sogar nur mit dem Einverständnis ihrer Männer arbeiten.¹ Frauen in Ostdeutschland galten grundsätzlich als emanzipierter, sie waren seit 1949 gesetzlich gleichberechtigt, durften ihre Arbeit frei wählen und mussten genauso bezahlt werden wie männliche Kollegen.² Das Idealbild waren arbeitstätige Mütter.³


Gleichberechtigung im Job?

Da werktätige DDR-Frauen ihr eigenes Gehalt hatten, waren sie theoretisch nicht abhängig von ihren Männern – die wirtschaftliche Unabhängigkeit wurde als Grundbaustein für die Gleichberechtigung in der DDR betrachtet. Das funktionierte allerdings in der Praxis nicht komplett. In Ost wie West verdienten Männer mehr, denn Frauen arbeiteten häufig in schlecht bezahlten Wirtschaftszweigen. Außerdem war es genau wie in der alten BRD und heute im vereinten Deutschland für Frauen schwer, Karriere zu machen – trotz gleicher Qualifikation erhielten sie oft Jobs mit weniger Verantwortung und damit Gehalt.


Das bisschen Hausarbeit…

Wie sieht es mit Gleichberechtigung in der DDR zu Hause aus? Frauen sollten hier möglichst in Vollzeit arbeiten und der Großteil von ihnen tat das auch – damit hörte die Arbeit jedoch nicht auf. Denn genau wie im Westen waren Frauen verantwortlich für Waschen, Putzen, Kochen und andere Haushaltsarbeiten. Das stellte eine hohe Belastung dar.⁴ Ende der 1970er und in den 1980er erledigten Frauen mehr als 30 Stunden Hausarbeit pro Woche.⁵ Auf gesellschaftlicher und politischer Ebene wurde diese zusätzliche Arbeit und die ungerechte Verteilung kaum thematisiert. Bis heute wird Hausarbeit vor allem von Frauen erledigt. Schließlich gelten Frauen grundsätzlich als ordentlicher – und besser kochen können sie angeblich auch. Die Rollenverteilung wird zementiert, obwohl Frauen so nicht geboren, sondern dazu erzogen werden.

Kinder und Karriere?

Einzigartig war im Osten das Angebot zur Kinderbetreuung: Ab Ende der 1960er Jahre wurden in der DDR Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorte ausgebaut⁶ – Kinder konnten meist von 6 bis 18 Uhr betreut werden, in großen Betrieben und Universitäten gab es eigene Kindergärten.⁷ In der BRD gab es kaum Möglichkeiten, vor allem kleinere Kinder zu betreuen, die wenigen vorhandenen Einrichtungen waren vor allem für eine halbtägige Betreuung da.⁸


Für den Artikel habe ich mit Frauen aus meiner Familie gesprochen, die in den 1960ern in der DDR kleine Kinder hatten. Meine Großtante Friedgard A. erlebte in dieser Zeit die Schwierigkeiten einer Alleinerziehenden. Um finanziell über die Runden zu kommen, musste die gelernte Krankenschwester Vollzeit im Schichtdienst arbeiten. Da sie nicht in der Nähe ihrer Familie lebte, war niemand da um ihren Sohn zu versorgen. So wurde er ab dem Alter von 10 Wochen in der Wochenkrippe, also durchgängig von Montag bis Freitag, betreut – normalerweise konnte Friedgard ihn nur am Wochenende nach Hause holen. Obwohl sie ihren Beruf mochte und sich an schöne Situationen mit Kolleg*innen erinnert, nimmt sie die Zeit als anstrengend und entbehrungsreich wahr. „Du hattest gar keine andere Chance als zu funktionieren, du konntest dir auch keine Träume machen“, erzählt sie. Ganz anders nahm meine Großmutter Ursula F. ihre Zeit als berufstätige Mutter wahr. Auch sie war in den 1960ern alleinerziehend, allerdings lebte sie bei ihren Eltern und wurde von ihnen in der Kinderbetreuung unterstützt. Sie ging nach der Geburt und einer achtwöchigen bezahlten Auszeit wieder arbeiten, allerdings für die nächsten fünf Jahre halbtags, um Zeit für ihren Sohn zu haben.

In den 1970ern und 80ern wurde es durch politische und finanzielle Unterstützung für Frauen in der DDR leichter, Kinderbetreuung und Arbeit zu verbinden.⁹ In der BRD gab es zwar auch zunehmend staatliche Unterstützung, allerdings später und weniger als in der DDR.¹⁰

Trotz der Verbesserungen schulterten weiterhin Frauen die Mehrbelastung. In beiden Teilen Deutschlands protestierten sie gegen diese ungerechte Verteilung¹¹. In der DDR eher passiv: Hier stiegen die Scheidungsraten durch die Unzufriedenheit von Frauen – wegen ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit waren sie finanziell nicht auf Ehemänner angewiesen¹². Außerdem sanken in beiden Teilen Deutschlands die Geburtenraten¹³ – durch die Einführung der Anti-Baby-Pille 1968 in der BRD¹⁴ und 1972 in der DDR konnten sich Frauen nun auch leichter gegen Kinder entscheiden. Familienplanung war in Ostdeutschland einfacher als im Westen: Seit 1972 waren Schwangerschaftsabbrüche legal und es gab kostenlose Verhütungsmittel¹⁵.

In der DDR war es gesellschaftlich und juristisch in Ordnung, alleinerziehend zu sein – Alleinerziehende wurden staatlich finanziell unterstützt¹⁶. In der BRD erhielten Alleinerziehende bis 1998 einen amtlichen Vormund, da ihnen nicht zugetraut wurde, Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen¹⁷.

Waren Frauen in der DDR also gleichberechtigt? Jein – sie hatten mehr Rechte und Möglichkeiten als Frauen in der BRD. Trotzdem waren sie Männern nicht in allen Bereichen gleichgestellt.

Was bleibt?

Seit der Wende arbeiten auch in Westdeutschland immer mehr Frauen, Angebote zur Kinderbetreuung nehmen zu. Das Bild der berufstätigen Frau der DDR hatte großen Einfluss auf Westdeutschland. Im Ansatz mehr Gleichberechtigung auf finanzieller und sozialer Ebene gibt es allerdings immer noch in Ostdeutschland: Auch heute gehen mehr Frauen in den neuen als in den alten Bundesländern arbeiten. In Ostdeutschland wird unbezahlte Arbeit, also Kinderbetreuung und Hausarbeit, gerechter aufgeteilt – aber wie im Westen machen Frauen mehr als Männer. Ostdeutsche Frauen erreichen häufiger Führungspositionen als westdeutsche Frauen und ostdeutsche Männer.

In Ostdeutschland sind sich die Einkommen von Männern und Frauen ähnlicher als in Westdeutschland. Allerdings waren beispielsweise die Regelungen zu Schwangerschaftsabbrüchen in der DDR liberaler. Auch wurden alleinerziehende Frauen besser unterstützt – heute sind alleinerziehende Frauen die Gruppe, die während der Berufstätigkeit und in der Rente am meisten von Armut betroffen ist¹⁸. Die absolute Gleichstellung der Geschlechter wurde weder in der DDR noch bislang im vereinten Deutschland erreicht. Ohne die Entwicklungen in der DDR wären Frauen aber heute wohl noch stärker benachteiligt.

Erstellt von Gesine Stauch

 


Quellenangaben:

[1] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD; https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenrechte-in-westdeutschland-der-zaehe-kampf-um.976.de.html?dram:article_id=421449/
[2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenrechte-in-der-ddr-es-ging-darum-die-frau.976.de.html?dram:article_id=421452
[3] Ibid.
[4] Kaminsky 2014, 70-72
[5] Ibid.
[6] Ibid., S. 77
[7] Domscheit-Berg 2016. https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Erwerbsbeteiligung%20als%20Folge%20von%20Familienpolitik
[8] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[9] Kaminsky 2014, 51; https://www.mdr.de/zeitreise/kinderbetreuung-ddr-102.html; https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[10] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[11] https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51859/frauen-und-68
[12] Kaminsky 2014, 99
[13] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/554952/umfrage/fertilitaetsrate-in-der-brd-und-ddr/
[14] https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51859/frauen-und-68
[15] Ulrike Lembke 2020. https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/30-jahre-geteilter-feminismus/schwangerschaftsabbruch-in-ddr-und-brd
[16] Anna Kaminsky: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/286988/verordnete-emanzipation-frauen-im-geteilten-deutschland
[17] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[18] Domscheit-Berg 2016 – https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD ,  Abschnitt wirtschaftliche Eigenständigkeit, Fazit

Ein Blick in die Köpfe junger Ost- und Westdeutscher

Am 3. Oktober 1990 ist die „Deutsche Demokratische Republik“ (DDR) der Bundesrepublik beigetreten. Aber wie sieht es heute – mehr als 30 Jahre später – mit dem Stand der Deutschen Einheit aus, auch in den Köpfen junger Menschen? Mit dieser Frage sind wir nicht allein: Die Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ geht ihr ebenfalls nach. Johannes hat mit Rainer Faus, Geschäftsführer der pollytix strategic research gmbh und einer der Autoren dieser Studie, gesprochen.


Rainer Faus/ (c) Philipp Jester

Die Wiedervereinigung ist in ost- und westdeutschen Familien unterschiedlich häufig ein Thema. Nur etwa jede*r vierte junge Westdeutsche gibt an, dass Eltern und Familie „eher“ oder „sehr häufig“ darüber gesprochen haben. Wie sieht es in ostdeutschen Familien aus?

Die Wiedervereinigung ist in ostdeutschen Familien deutlich häufiger ein Thema gewesen. Das ist jetzt auch wenig verwunderlich, weil sich natürlich die Wiedervereinigung und deren Folgen in ostdeutschen Familien deutlich stärker ausgedrückt haben: gebrochene Berufsbiografien, das deutlich veränderte Leben und Produkte, die nicht mehr in Regalen standen. Das war in Westdeutschland weniger der Fall. Ostdeutschland hat sich im Grunde an Westdeutschland angepasst und nicht umgekehrt.

 

Wie sieht der Blick in die Zukunft bei jungen Menschen in Ost und West aus? Überwiegen Zweifel und Ängste oder Hoffnung und Zuversicht?

Alles in allem kann man sagen, dass sowohl junge Westdeutsche als auch junge Ostdeutsche eher optimistisch an ihre eigene Zukunft denken. Gleichzeitig muss man hier ein kleines bisschen genauer hinschauen. Wenn man beispielsweise auf wirtschaftliche Aussichten schaut, dann sieht man, dass im Osten die wirtschaftlichen Aussichten in der eigenen Region seltener als positiv eingeschätzt werden. Das hängt damit zusammen, dass es im Osten dann doch mehr strukturschwache Regionen gibt.

 

 

Macht es für junge Menschen aus den neuen und alten Bundesländern einen Unterschied, aus welchem der beiden Teile jemand kommt?

Wir haben im Rahmen unserer Untersuchung angefangen, mit den Leuten über ihr Leben zu reden. Es ist nicht so, dass diese sofort einsteigen mit: „Ich bin Ostdeutscher und ich bin benachteiligt“. Das hört man dann im Gespräch später heraus, wenn man zum Thema Wiedervereinigung kommt. Da zeigen sich schon Unterschiede. Im Westen ist die Sichtweise deutlich stärker vertreten, dass es eben keinen Unterschied mehr macht, ob man aus Ost- oder Westdeutschland kommt. In Ostdeutschland ist das anders. Ist aber wie gesagt eine Sache, die man jetzt nicht mit einem Schild vor sich herträgt.

 

 

Wenn man junge Menschen danach fragt, wie sie den „typischen Ossi“- oder den „typischen Wessi“ beschreiben würden: Verwenden sie Stereotype?

Junge Ostdeutsche sehen Westdeutsche als arroganter, wohlhabender und auch als besser bezahlt. Das deckt sich mit dem Bild der jungen Westdeutschen von sich selbst. Wenn man sich Stereotype über die Ostdeutschen anschaut, werden die Ostdeutschen als ärmer gesehen. Die Ostdeutschen sehen sich selbst auch als ärmer, aber gleichzeitig auch als bescheidener und bodenständiger. Das sind Stereotype, die wir in der Gesamtbevölkerung sehen, die sich hier offensichtlich bei der jungen Bevölkerung fortgepflanzt haben.

 

Fühlen sich junge Leute – je nachdem, wo sie herkommen – stärker mit Ost- oder Westdeutschland verbunden?

Überall in Deutschland gibt es regionale Identitäten. Die Bayern beispielsweise haben eine sehr starke regionale Identität, in Sachsen ist es ähnlich. Das gibt es in ganz Deutschland, was aber in Ostdeutschland dazukommt, ist diese eine Schicht an Identität, die spezifisch ostdeutsch ist. Diese ostdeutsche Identität ist jetzt nicht unbedingt eine Abgrenzung, aber schon eine gemeinsame identitätsstiftende Sache. In Westdeutschland ist diese eine zusätzliche Schicht an Identität so nicht zu finden. Dadurch ist es auch so, dass es in Ostdeutschland einen deutlich höheren Prozentsatz gibt, der angibt, dass er sich eher als ostdeutsch fühlt. So finden wir das bei Westdeutschen nicht.

 

 

In einigen Bereichen zeigen sich Unterschiede im Denken junger Menschen aus Ost und West. Würde man nicht ebenfalls Unterschiede finden, wenn man Vergleiche zwischen den jungen Leuten in Nord- und Süddeutschland zieht?

Also regionale Unterschiede würde es vermutlich auch dann geben. Der Süden in Ostdeutschland tickt ja zum Beispiel etwas konservativer, der Norden tickt in der Tendenz etwas progressiver. Was wir aber vermutlich nicht finden würden, ist die Tatsache, dass man sich abgrenzt vom anderen Landesteil – zum Beispiel auch über ein Gefühl der Benachteiligung. Dieses Benachteiligungsgefühl gegenüber Süddeutschland gibt es in Norddeutschland nicht und umgekehrt genauso wenig. Das hängt damit zusammen, dass mit der DDR ein ganzer Staat im Grunde abgeschafft wurde.

 

Junge Menschen in Ost- und Westdeutschland denken und fühlen in vielen Dingen ähnlich, es gibt aber auch immer noch Unterschiede. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Wir haben hierfür zwei Thesen getestet. Die eine These ist, dass es an der Sozialisation liegt, wie also die Wiedervereinigung in der Familie oder im Umkreis besprochen wurde. Die zweite These ist, dass es an der Situation der Menschen in Ostdeutschland und Westdeutschland liegt. So könnte es zum Beispiel sein, dass die wirtschaftliche Lage eine andere ist.

Wir haben gefunden, dass beides Einfluss hat. Die Sozialisation spielt vermutlich eine etwas größere Rolle. Gleichzeitig ist es aber so, dass im Osten die wirtschaftlichen Aussichten und die regionalen Jobchancen anders eingeschätzt werden. Auch das Gefühl, dass es in Deutschland gerecht zugeht, fällt im Osten dementsprechend niedriger aus.

Das Spannende beim letzten Punkt ist allerdings, dass das ein Effekt ist, der im Westen ebenfalls auftritt, sobald die Chancen als nicht gut eingeschätzt werden. Das ist in abgehängten Regionen in Westdeutschland und in Ostdeutschland ähnlich. Es ist aber so, dass es im Osten in der Fläche mehr strukturschwache Regionen gibt. Deswegen gibt es hier auch größere Unterschiede aus der Situation heraus. Die Sozialisation als Ursache für wahrgenommene Unterschiede tritt dagegen nur im Osten auf.

 

Gibt es Möglichkeiten, diese Unterschiede zu verringern?

Im Osten gibt es das Gefühl: „Wir haben nie Anerkennung für die Leistung bekommen, uns an dieses neue System angepasst zu haben“. Etwas überspitzt formuliert, ist das westdeutsche Gefühl: „Wir haben das alles bezahlt, dafür haben sich die Ostdeutschen bei uns nie bedankt“. Es geht hier also im Grunde um eine Aufarbeitung, also darum Ostdeutsche und Westdeutsche auf die Couch zu legen: Sozusagen eine gemeinsame Paartherapie zu machen und drüber zu reden, was ist hier eigentlich gut gelaufen, was ist hier schlecht gelaufen und was wünschen wir uns. Die andere Sache ist, dass die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland weniger rosig ist als in Westdeutschland. Natürlich gibt es auch in Westdeutschland abgehängte Regionen. Aber sowohl das subjektive Empfinden als auch die objektiven Zahlen belegen, dass die Wirtschaftskraft im Osten eine andere ist, auch die Einkommen sind andere. Wenn sich das verringert, dann würden sich vermutlich auch die Unterschiede verringern.

 

Wie lautet Ihr Fazit? Gibt es die Mauer im Kopf bei jungen Menschen immer noch?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ganz allgemein würde ich aber sagen, dass sie natürlich weniger stark vorhanden ist als bei der älteren Generation. Solange aber das Benachteiligungsgefühl besteht und solange die persönliche Situation und die Situation der eigenen Region durchschnittlich schlechter beurteilt wird als im Westen, wird es da auch weiterhin Unterschiede geben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Johannes Drobny

 

Infobox:

Rainer Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research gmbh. Pollytix bietet forschungsbasierte  strategische Beratung zu gesellschaftlichen und politischen Fragen an. Die Kunden stammen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Zusammen mit pollytix hat Rainer Faus für die Otto-Brenner-Stiftung die Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ durchgeführt.

Die deutsche Wiedervereinigung ist inzwischen 30 Jahre her. Wie verlief diese damals eigentlich und wie wäre sie verlaufen, hätte es 1990 bereits soziale Medien gegeben? Ein gedankliches Experiment, auf das sich Schüler*innen des Eichsfeld-Gymnasiums Duderstadt und des St. Josef Gymnasiums Dingelstädt eingelassen und einen Podcast erstellt haben. Viel Spaß beim Hören!