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Wie sehen Schülerinnen und Schüler aus dem Eichsfeld die Folgen der Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren, die sie selbst nur vom Erzählen und vom Hörensagen her kennen? Schüler*innen aus Duderstadt und Dingelstädt produzierten einen Podcast und interviewten ihre Eltern, Großeltern und Passant*innen aus der Straße. Corona- und lockdownbedingt konnten keine Originalaussagen aufgenommen und verarbeitet werden. Die Kernaussagen aus den persönlichen Gesprächen und die eigenen Meinungen dazu werden von den Teilnehmer*innen selbst wiedergegeben.

Episode 1:

Episode 2:

Episode 3:

 

In diesem Interview hat Felix R. seine Großeltern Albert und Rosemarie zur innerdeutschen Grenze befragt. Sie haben als Zeitzeugen und DDR-Bürger die Entwicklung der innerdeutschen Grenze von der Errichtung bis zu ihrem Fall miterlebt. Damals wie heute leben sie nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt in Martinfeld. Im Interview konfrontieren wir sie mit Fragen, die wir uns zur damaligen Situation stellen. Albert und Rosemarie schildern, welche Rolle die Teilung Deutschlands in ihrem Leben spielte und welche Erfahrungen sie mit der Grenze gemacht haben. Das Video entstand in Zusammenarbeit von Jugendlichen aus Duderstadt (Niedersachsen) und Dingelstädt (Thüringen).

Marco Wanderwitz, Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, wendet sich mit seiner Grußbotschaft direkt an die Schüler*innen, die im vergangenen Jahr am Projekt „Begegnungen Deutsche Einheit“ teilgenommen haben. Dieser multimediale Blog, den die Schüler*innen durch ihre Beiträge gestaltet haben, sei Ausdruck ihrer Kreativität und Neugier in der Auseinandersetzung mit drei Jahrzehnten Deutscher Einheit. Und die Beiträge der Jugendlichen aus den alten und neuen Bundesländern zeigen: der Austausch zwischen den Jugendlichen und die Möglichkeit, ihre Perspektive einbringen zu können, sind mehr denn je wichtig.

Als Projektpartner bedanken wir uns bei Herrn Wanderwitz und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie für die Zusammenarbeit und die Unterstützung bei der Durchführung des Projekts.

Die Autorin Katharina Warda ist eine Schwarze Ostdeutsche. Ihre Erfahrungen der Wendezeit kommen in den Geschichtsbüchern nicht vor. Mit ihrem Audioprojekt „Dunkeldeutschland“ gibt sie sich selbst und anderen, denen es ähnlich geht, eine Stimme.

Das Gespräch führt Gesine Stauch, Berlin

 

Du bist in den 1980ern als Tochter einer deutschen Mutter und eines südafrikanischen Vaters geboren und in der Kleinstadt Wernigerode in Ostdeutschland aufgewachsen. Worüber identifizierst du dich?

In meiner Arbeit und meinem Engagement bezeichne ich mich als Person of Color (Näheres zum Begriff im Infokasten unter dem Text) oder als Schwarze Ostdeutsche. Ich bezeichne mich auch als Unterschichtenkind. Einen Großteil meines Lebens wurde ich diskriminiert wegen der finanziellen Situation meiner Familie und der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Diese Erfahrungen sind bis heute Teil meiner Identität.

Was bedeutet es für dich, ostdeutsch zu sein, welche Erfahrungen verbindest du damit?

Meine Erfahrungen sind stark vom Wendechaos und dem gesellschaftlichen Umbruch geprägt. Einerseits von den Erinnerungen an die Normalität, den Alltag in der DDR, andererseits vom Systemwechsel, dem Chaos und der Perspektivlosigkeit der Wende. Dazu gehören die „Westeuphorie“, aber auch die Arbeitslosigkeit meiner Eltern und die Folgen für meine Familie.

Welche Folgen waren das?

Meine Mutter wurde depressiv, mein Stiefvater war Alkoholiker und brachte sich um. Mich prägen auch Erfahrungen, die meine Familie nicht gemacht hat, ich aber: rechtsextreme Gewalt und ein rassistischer Alltag, aber auch Punkrock, Exzess und Eskalation. Wäre ich woanders aufgewachsen, hätte ich all diese Erfahrungen so nicht gemacht. Daher ist das Ostdeutsche ein wichtiger Teil von mir. Im Alltag wird mir aber das Ostdeutsch- und Deutschsein oft abgesprochen. Bis ich nach Berlin zog, wurde ich häufig von fremden Personen auf der Straße gefragt, wo ich herkomme. Wenn ich sage, aus Wernigerode, wird das nicht akzeptiert. Sie bohren so lange nach, bis eine Information kommt, mit der sie mich als Fremde einteilen können. Obwohl ich genauso ostdeutsch oder deutsch bin wie die Person, die gefragt hat.

Findest du deine Erfahrungen auch in der kollektiven Erinnerung“ an die Wiedervereinigung und die Nachwendezeit wieder – also vor allem im Rahmen der Aufarbeitung in den Medien?

Wenn man über den Osten spricht, kommen Erfahrungen von Schwarzen und PoC aus dem Osten nicht vor. Dabei gibt es genug PoC, die seit Jahrzehnten über den Osten sprechen und versuchen, vielfältige ostdeutsche Erfahrungen in die Medien zu bringen. Wenn sie gehört werden, werden sie nur als Einzelbeispiele und nicht als „normale“ Ostdeutsche behandelt. Im gesamtdeutschen Zusammenhang ist die ostdeutsche Sichtweise also eine weiße Sichtweise. Das wird so nicht gesagt, aber ganz selbstverständlich angenommen.

Was geht dadurch verloren?

PoC gibt es seit Jahrhunderten in Deutschland. Es gab Schwarze und andere nicht weiße Menschen auch in der DDR, das war und ist keine einheitlich weiße Gesellschaft. Schwarze Ostdeutsche haben genauso ostdeutsche Erfahrungen gemacht wie weiße Ostdeutsche. Zusätzlich erleben sie Rassismus. Typisch ostdeutsche Erfahrungen waren beispielsweise Arbeitslosigkeit und Jobsuche nach der Wende. Schwarze hatten zusätzlich mit rassistischer Diskriminierung bei der Jobsuche zu tun. Das taucht aber in der Erzählung über die Wiedervereinigung nicht auf. Gerade in den 1990ern waren auch rassistische und rechtsextreme Gewalt Riesenthemen und lebensbedrohlich für viele Menschen. Auch ich habe mich ständig in einer möglicherweise lebensgefährlichen Situation gesehen. Nicht nur durch eigene, sondern auch durch Erfahrungen von anderen. Diese Gewalt, die Täter*innen und die Angst vor ihnen gehören zur ostdeutschen Geschichte dazu. Viele Geschichten fehlen da, etwa jüdische und linke Sichtweisen, aber auch und vor allem die Geschichten von Schwarzen und PoC. Es ist ironisch, denn einerseits gilt der Osten als Ort rechter Gewalt, andererseits geht man davon aus, dass der Osten weiß ist. Und da frage ich mich immer: Merkt ihr nicht den Widerspruch? Wie kann denn der Osten ein Ort für rechte Gewalt und Rassismus sein, wenn es angeblich keine PoC gibt? Ein Beispiel dafür ist die ARD-Doku „Wir Ostdeutsche – 30 Jahre im vereinten Land“. Dort wird die Geschichte der Wiedervereinigung durch Erfahrungen von vielen unterschiedlichen Personen erzählt. Aber es sind alles weiße Personen.

In Deutschland werden Schwarze Menschen in den Medien wenig gezeigt und sind auch in der Politik kaum vertreten. Hattest du als Kind Schwarze Vorbilder und eine Community?

Es gab absolut keine Community. Ich hatte auch keine Schwarzen Vorbilder und habe sie bis heute nicht. Als Kind habe ich viel Fernsehen geguckt, aber Schwarze Personen gab es nur im US-amerikanischen Fernsehen. In den 1990ern schauten wir alle die Bill-Cosby-Show, die erstmals eine Schwarze Familie aus der Mittelschicht als Hauptpersonen hatte. Dort Schwarze als normale Menschen zu sehen, fand ich gut, aber ihre Situation war weit weg von mir.

Wieso? Wie sah dein Alltag aus?

Wir waren die typischen Wendeverlierer: Meine Eltern waren Fabrikarbeiter in der DDR, mit der Wiedervereinigung verloren sie ihre Arbeit. Beide kamen überhaupt nicht klar mit den neuen Verhältnissen. Die Probleme, für die ich in der Zeit gern ein Ventil oder Antworten gehabt hätte – Depression, Alkoholismus, Suizid – gab es in der Bill-Cosby-Show nicht. Der Widerspruch zwischen der Show und meiner Familie zeigt, dass Schwarze nicht automatisch die gleichen Erfahrungen machen. Es gab zwar PoC in meiner Stadt, aber ich habe mich nicht automatisch mit ihnen verbunden gefühlt. Erst seitdem ich in der Öffentlichkeit stehe, vernetze ich mich mit PoC aus dem Osten, um mich mit ihnen über Rassismuserfahrungen auszutauschen.

In deinem Projekt „Dunkeldeutschland“ geht es um die persönlichen Erfahrungen verschiedener Menschen aus Wernigerode, deiner Heimatstadt, während der Wiedervereinigung. Warum heißt das Projekt „Dunkeldeutschland“?

Mit dem Wort – als Schimpfwort für DDR und Osten – bin ich aufgewachsen. Angeblich ist es entstanden, weil es in der DDR keine Straßenreklamen gab und dadurch im Gegensatz zum Westen nachts die Straßen dunkel waren. Damit wurde eine wirtschaftliche Rückständigkeit angedeutet. Gerade in der Zeit der Wiedervereinigung hat man sich damit über den Osten lustig gemacht und ihn abgewertet. 2015 verwendete es der damalige Bundespräsident Joachim Gauck, als er zu Recht die rassistische und rechte Gewalt bei den Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte in Heidenau verurteilte. Dabei drückte er eine moralische Rückständigkeit des Ostens aus. Es gibt also ein „dunkles“ Deutschland, das Deutschland der Hetzer*innen, Täter*innen und Anstifter*innen, und dem gegenüber steht ein „helles“ Deutschland des bürgerschaftlichen Engagements. Alles Schlechte in Deutschland kommt scheinbar aus dem Osten, ohne das dann mal genauer zu betrachten oder das Problem zu lösen. Was tatsächlich in Ostdeutschland passiert, wird davon überdeckt. Geschichten der Opfer von rechter Gewalt oder wie die meiner Punkclique und von vielen anderen bleiben dabei „im Dunkeln“ – deshalb erzähle ich sie in meinem Projekt.

Wenn ostdeutsche Personen oder Orte in den Schlagzeilen sind, dann oft wegen rechtsextremer und rassistischer Vorfälle. Woher kommt das einseitige Bild, das viele von Ostdeutschland und Ostdeutschen haben?

Einerseits gab es im Osten meiner Wahrnehmung nach schon vor der Jahrtausendwende  mehr Vorfälle*. Andererseits unterscheidet sich die Berichterstattung über die Gewalt. Wird über Fälle von rechter und rassistischer Gewalt in Westdeutschland gesprochen, werden oft einzelne Orte wie Hanau oder Solingen als Beispiele genannt. Geht es um Rechtsextremismus in Ostdeutschland, spricht man eher über „den Osten“. In der gesamtdeutschen Erzählung über den Osten kommen auch wenig andere Themen vor.

Außerdem wird so getan, als betreffen diese Vorfälle die Gesamtgesellschaft nicht. Geht es um rassistische und rechtsextreme Gewalt, wird zwischen „uns Normalen“ und „den Anderen“ unterschieden: Es geht aber nicht um „Fremden“ oder Ausländer*innen, denn auch Deutsche, nämlich Schwarze Deutsche, erleben Rassismus. Die Opfer werden mit der Bezeichnung Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit zu „Anderen“ gemacht. „Wir“ als Gesellschaft haben mit beiden Gruppen vorgeblich nichts zu tun Das Fremdmachen sagt den Opfern: Ihr und eure Erfahrungen seid nicht normal. „Wir Normalen“ haben aber auch mit den Tätern nichts zu tun. „Wir“ als Gesellschaft haben kein Rassismusproblem, sondern es gibt nur einzelne Rassist*innen. Durch dieses Wegschieben auf „die Anderen“ wird das Problem Rassismus nicht ernst genug genommen. Stattdessen brauchen wir eine ehrliche und direkte Auseinandersetzung mit diesen Problemen, innerhalb Ostdeutschlands und in ganz Deutschland.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Infobox I:

Was bedeutet eigentlich weiß, Schwarz und Person of Color?

Mit den Bezeichnungen und Schreibweisen ist es ähnlich wie beim Gendern: Es gibt bislang keine allgemeingültige Lösung. Weiß, Schwarz und PoC wird vor allem von Betroffenen bzw. dann verwendet, wenn es um Rassismus geht.

Person of Color (PoC) ist eine Formulierung, die aus dem Englischen übernommen wurde. Sie ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die von der weißen Mehrheitsbevölkerung als fremd, aber nicht unbedingt als Schwarz wahrgenommen werden. Der Begriff wird also von und für Menschen verwendet, die von Rassismus betroffen sind.

Warum ist hier aber von weißen (kursiv) und Schwarzen (großgeschrieben) Menschen die Rede? Mit weiß ist keine Hautfarbe, sondern eine gesellschaftspolitische Norm und Machtposition gemeint. Der Begriff wird als Gegensatz zu People of Color verwendet. Dabei müssen sich weiße Menschen nicht zwingend selbst als weiß oder privilegiert fühlen.

Auch bei Schwarz handelt es sich nicht um die Beschreibung einer Hautfarbe, sondern um eine politische Selbstbezeichnung. Auch diese Bezeichnung und seine Schreibweise ist aus dem Englischen (Black) übernommen. Es geht also auch hier nicht um eine „biologische“ Eigenschaft, sondern um gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten – um das deutlich zu machen, wird die im Deutschen für Adjektive unübliche Großschreibung verwendet.

* Bis heute ist es zum Teil schwierig, die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten im Osten und im Westen zu vergleichen, da diese Zahlen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich erfasst werden. Etwa ab 2001 sind höhere Zahlen in den östlichen Bundesländern wissenschaftlich nachweisbar.

 

Infobox II:

Katharina Warda (35) ist Autorin mit den Schwerpunktthemen Ostdeutschland, Rassismus, Klassismus und Punk und schreibt eine Doktorarbeit zu Tagebuch-Blogs und marginalisierten Identitäten in Berlin und Princeton, USA. Gerade arbeitet sie an einem kritischen Podcast zum Osten und ihrem Projekt „Dunkeldeutschland“, das über biografische Geschichten ihrer ehemaligen Punk-Clique die Wendezeit ihrer Heimatstadt von den sozialen Rändern aus erzählt.


Copyright: Alena Schmick

Erstellt von Elisabeth Geisler

Erstellt von Sandra Schaftner

Erstellt von Sandra Schaftner

 

 

Ein Blick in die Köpfe junger Ost- und Westdeutscher

Am 3. Oktober 1990 ist die „Deutsche Demokratische Republik“ (DDR) der Bundesrepublik beigetreten. Aber wie sieht es heute – mehr als 30 Jahre später – mit dem Stand der Deutschen Einheit aus, auch in den Köpfen junger Menschen? Mit dieser Frage sind wir nicht allein: Die Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ geht ihr ebenfalls nach. Johannes hat mit Rainer Faus, Geschäftsführer der pollytix strategic research gmbh und einer der Autoren dieser Studie, gesprochen.


Rainer Faus/ (c) Philipp Jester

Die Wiedervereinigung ist in ost- und westdeutschen Familien unterschiedlich häufig ein Thema. Nur etwa jede*r vierte junge Westdeutsche gibt an, dass Eltern und Familie „eher“ oder „sehr häufig“ darüber gesprochen haben. Wie sieht es in ostdeutschen Familien aus?

Die Wiedervereinigung ist in ostdeutschen Familien deutlich häufiger ein Thema gewesen. Das ist jetzt auch wenig verwunderlich, weil sich natürlich die Wiedervereinigung und deren Folgen in ostdeutschen Familien deutlich stärker ausgedrückt haben: gebrochene Berufsbiografien, das deutlich veränderte Leben und Produkte, die nicht mehr in Regalen standen. Das war in Westdeutschland weniger der Fall. Ostdeutschland hat sich im Grunde an Westdeutschland angepasst und nicht umgekehrt.

 

Wie sieht der Blick in die Zukunft bei jungen Menschen in Ost und West aus? Überwiegen Zweifel und Ängste oder Hoffnung und Zuversicht?

Alles in allem kann man sagen, dass sowohl junge Westdeutsche als auch junge Ostdeutsche eher optimistisch an ihre eigene Zukunft denken. Gleichzeitig muss man hier ein kleines bisschen genauer hinschauen. Wenn man beispielsweise auf wirtschaftliche Aussichten schaut, dann sieht man, dass im Osten die wirtschaftlichen Aussichten in der eigenen Region seltener als positiv eingeschätzt werden. Das hängt damit zusammen, dass es im Osten dann doch mehr strukturschwache Regionen gibt.

 

 

Macht es für junge Menschen aus den neuen und alten Bundesländern einen Unterschied, aus welchem der beiden Teile jemand kommt?

Wir haben im Rahmen unserer Untersuchung angefangen, mit den Leuten über ihr Leben zu reden. Es ist nicht so, dass diese sofort einsteigen mit: „Ich bin Ostdeutscher und ich bin benachteiligt“. Das hört man dann im Gespräch später heraus, wenn man zum Thema Wiedervereinigung kommt. Da zeigen sich schon Unterschiede. Im Westen ist die Sichtweise deutlich stärker vertreten, dass es eben keinen Unterschied mehr macht, ob man aus Ost- oder Westdeutschland kommt. In Ostdeutschland ist das anders. Ist aber wie gesagt eine Sache, die man jetzt nicht mit einem Schild vor sich herträgt.

 

 

Wenn man junge Menschen danach fragt, wie sie den „typischen Ossi“- oder den „typischen Wessi“ beschreiben würden: Verwenden sie Stereotype?

Junge Ostdeutsche sehen Westdeutsche als arroganter, wohlhabender und auch als besser bezahlt. Das deckt sich mit dem Bild der jungen Westdeutschen von sich selbst. Wenn man sich Stereotype über die Ostdeutschen anschaut, werden die Ostdeutschen als ärmer gesehen. Die Ostdeutschen sehen sich selbst auch als ärmer, aber gleichzeitig auch als bescheidener und bodenständiger. Das sind Stereotype, die wir in der Gesamtbevölkerung sehen, die sich hier offensichtlich bei der jungen Bevölkerung fortgepflanzt haben.

 

Fühlen sich junge Leute – je nachdem, wo sie herkommen – stärker mit Ost- oder Westdeutschland verbunden?

Überall in Deutschland gibt es regionale Identitäten. Die Bayern beispielsweise haben eine sehr starke regionale Identität, in Sachsen ist es ähnlich. Das gibt es in ganz Deutschland, was aber in Ostdeutschland dazukommt, ist diese eine Schicht an Identität, die spezifisch ostdeutsch ist. Diese ostdeutsche Identität ist jetzt nicht unbedingt eine Abgrenzung, aber schon eine gemeinsame identitätsstiftende Sache. In Westdeutschland ist diese eine zusätzliche Schicht an Identität so nicht zu finden. Dadurch ist es auch so, dass es in Ostdeutschland einen deutlich höheren Prozentsatz gibt, der angibt, dass er sich eher als ostdeutsch fühlt. So finden wir das bei Westdeutschen nicht.

 

 

In einigen Bereichen zeigen sich Unterschiede im Denken junger Menschen aus Ost und West. Würde man nicht ebenfalls Unterschiede finden, wenn man Vergleiche zwischen den jungen Leuten in Nord- und Süddeutschland zieht?

Also regionale Unterschiede würde es vermutlich auch dann geben. Der Süden in Ostdeutschland tickt ja zum Beispiel etwas konservativer, der Norden tickt in der Tendenz etwas progressiver. Was wir aber vermutlich nicht finden würden, ist die Tatsache, dass man sich abgrenzt vom anderen Landesteil – zum Beispiel auch über ein Gefühl der Benachteiligung. Dieses Benachteiligungsgefühl gegenüber Süddeutschland gibt es in Norddeutschland nicht und umgekehrt genauso wenig. Das hängt damit zusammen, dass mit der DDR ein ganzer Staat im Grunde abgeschafft wurde.

 

Junge Menschen in Ost- und Westdeutschland denken und fühlen in vielen Dingen ähnlich, es gibt aber auch immer noch Unterschiede. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Wir haben hierfür zwei Thesen getestet. Die eine These ist, dass es an der Sozialisation liegt, wie also die Wiedervereinigung in der Familie oder im Umkreis besprochen wurde. Die zweite These ist, dass es an der Situation der Menschen in Ostdeutschland und Westdeutschland liegt. So könnte es zum Beispiel sein, dass die wirtschaftliche Lage eine andere ist.

Wir haben gefunden, dass beides Einfluss hat. Die Sozialisation spielt vermutlich eine etwas größere Rolle. Gleichzeitig ist es aber so, dass im Osten die wirtschaftlichen Aussichten und die regionalen Jobchancen anders eingeschätzt werden. Auch das Gefühl, dass es in Deutschland gerecht zugeht, fällt im Osten dementsprechend niedriger aus.

Das Spannende beim letzten Punkt ist allerdings, dass das ein Effekt ist, der im Westen ebenfalls auftritt, sobald die Chancen als nicht gut eingeschätzt werden. Das ist in abgehängten Regionen in Westdeutschland und in Ostdeutschland ähnlich. Es ist aber so, dass es im Osten in der Fläche mehr strukturschwache Regionen gibt. Deswegen gibt es hier auch größere Unterschiede aus der Situation heraus. Die Sozialisation als Ursache für wahrgenommene Unterschiede tritt dagegen nur im Osten auf.

 

Gibt es Möglichkeiten, diese Unterschiede zu verringern?

Im Osten gibt es das Gefühl: „Wir haben nie Anerkennung für die Leistung bekommen, uns an dieses neue System angepasst zu haben“. Etwas überspitzt formuliert, ist das westdeutsche Gefühl: „Wir haben das alles bezahlt, dafür haben sich die Ostdeutschen bei uns nie bedankt“. Es geht hier also im Grunde um eine Aufarbeitung, also darum Ostdeutsche und Westdeutsche auf die Couch zu legen: Sozusagen eine gemeinsame Paartherapie zu machen und drüber zu reden, was ist hier eigentlich gut gelaufen, was ist hier schlecht gelaufen und was wünschen wir uns. Die andere Sache ist, dass die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland weniger rosig ist als in Westdeutschland. Natürlich gibt es auch in Westdeutschland abgehängte Regionen. Aber sowohl das subjektive Empfinden als auch die objektiven Zahlen belegen, dass die Wirtschaftskraft im Osten eine andere ist, auch die Einkommen sind andere. Wenn sich das verringert, dann würden sich vermutlich auch die Unterschiede verringern.

 

Wie lautet Ihr Fazit? Gibt es die Mauer im Kopf bei jungen Menschen immer noch?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ganz allgemein würde ich aber sagen, dass sie natürlich weniger stark vorhanden ist als bei der älteren Generation. Solange aber das Benachteiligungsgefühl besteht und solange die persönliche Situation und die Situation der eigenen Region durchschnittlich schlechter beurteilt wird als im Westen, wird es da auch weiterhin Unterschiede geben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Johannes Drobny

 

Infobox:

Rainer Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research gmbh. Pollytix bietet forschungsbasierte  strategische Beratung zu gesellschaftlichen und politischen Fragen an. Die Kunden stammen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Zusammen mit pollytix hat Rainer Faus für die Otto-Brenner-Stiftung die Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ durchgeführt.

Die deutsche Wiedervereinigung ist inzwischen 30 Jahre her. Wie verlief diese damals eigentlich und wie wäre sie verlaufen, hätte es 1990 bereits soziale Medien gegeben? Ein gedankliches Experiment, auf das sich Schüler*innen des Eichsfeld-Gymnasiums Duderstadt und des St. Josef Gymnasiums Dingelstädt eingelassen und einen Podcast erstellt haben. Viel Spaß beim Hören!

 

„Das sind ja Stasi-Methoden!“ – WhatsApp, Tiktok und Youtube sammeln allerhand Daten über uns. Wieso es da einen Zusammenhang mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR gibt und warum wir das nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.

204 Minuten. Laut einer Onlinestudie von ARD und ZDF verbringen Menschen in Deutschland so viel Zeit pro Tag im Internet. Umgerechnet sind das fast 3,5 Stunden am Tag (2020). Im Jahr 2019 waren es noch 11 Minuten weniger. Große Internetkonzerne wie Google, Amazon und Facebook sammeln dabei ständig Daten. Sie wissen vieles über ihre Nutzer*innen: Wonach sie suchen, wo ihr aktueller Standort ist und welchen Personen sie Nachrichten senden. Gespeichert werden diese Daten auf Servern, die auf der ganzen Welt verteilt sind. Konzerne nutzen diese Daten unter anderem, um den Nutzern passgenaue Werbung anzuzeigen. Suchen wir im Internet beispielsweise nach einem Handy, wird uns wenig später Werbung über neue Handymodelle angezeigt. Außerdem soll es Internetkonzernen auch möglich sein, mithilfe dieser Daten die politische Einstellung ihrer Nutzer*innen zu berechnen. Als sicher gilt: Internetkonzerne sammeln viele Informationen über ihre Nutzer*innen und dringen dabei immer mehr in deren Privatsphäre ein. Für all diese Informationen hätte sich die Stasi in der DDR sicherlich auch interessiert.

Das Ministerium für Staatssicherheit – Mittel der Machtsicherung in der DDR

Aber was genau war die Stasi? Um diese Frage zu beantworten, muss man einen Blick in die Zeit der DDR werfen. Diese wurde 40 Jahre lang von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) regiert. Freie Wahlen gab es aber nie. Die Stasi – ein Geheimdienst, dessen vollständige Bezeichnung eigentlich „Ministerium für Staatssicherheit“ (MfS) lautet – diente der SED dazu, ihre Macht zu bewahren. Dafür überwachte die Stasi in der DDR nicht nur Bürger*innen, sondern schüchterte sie auch ein. Sie hörte die Menschen ab, öffnete deren Briefpost und durchsuchte deren Wohnungen. Sie zerstörte berufliche Karrieren oder sorgte dafür, dass Bürger*innen aus ihren Sportvereinen ausgeschlossen wurden. Nicht wenige wurden sogar von ihr verschleppt. Fast jeder konnte zum Opfer der Stasi und ihrer Methoden werden. Menschen, die Kontakte in den Westen hatten oder einen – in den Augen der Staatspartei – falschen, politischen Witz erzählten. Aber auch Jugendliche, die westliche Musik hörten, waren der Stasi ein Dorn im Auge. Jeder, der es wagte, sich gegen die SED zu stellen.

Diesem Überwachungsapparat fiel beispielsweise der Liedermacher Wolf Biermann zum Opfer. Dieser siedelte im Jahr 1953 aus Hamburg in die DDR über und geriet bald durch seine kritischen Lieder und Gedichte in den Fokus der Stasi. Wolf Biermann einfach verschwinden zu lassen, war aufgrund seiner Berühmtheit nicht möglich. Deshalb las die Stasi seine Post, hörte seine Telefongespräche und seine Wohnung ab und setzte sogar Spitzel auf ihn an. Am Ende existierten mindesten 56 Akten mit Informationen über ihn. Im Jahr 1976 bürgerte die SED den Liedermacher schließlich aus.

 

Die Stasi interessierte sich auch für die Kontakte, die Biermann hatte: Die Fotografie zeigt Wolf Biermann, der auf der Fahrerseite des PKWs sitzt. Ein Freund verlässt gerade das Auto. WhatsApp und Co. Kennt alle deine Kontakte von vornherein – denn du hast sie freiwillig mit dem Unternehmen geteilt. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

91.000 offizielle Mitarbeiter*innen

Andere Personen, die zum Opfer der Stasi wurden, traf es teils noch viel härter. Sie landeten im Knast, manche wurden sogar hingerichtet. Um diesen ganzen Überwachungsapparat am Laufen zu halten, arbeiteten gegen Ende der DDR mindestens 91.000 offizielle Mitarbeiter*innen für die Stasi. Die Anzahl der Spitzel hingegen, die für die Stasi arbeiteten, war deutlich höher. Über die genaue Anzahl, die von der Stasi selbst als „inoffizielle Mitarbeiter“ bezeichnet wurden, sind sich Historiker*innen nicht ganz einig. Quellen sprechen von bis zu 189.000 Menschen, die heimlich ihre Mitmenschen bespitzelten. Die DDR hatte 1990 16 Millionen Einwohner*innen. Nicht selten wurden so Menschen von ihren eigenen Freunden oder Verwandten beobachtet und verraten.

6 Millionen Akten

Die Stasi häufte in der Zeit ihres Bestehens rund 6 Millionen personenbezogener Akten an. Unterlagen, die heute in den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin lagern und eine Länge von ungefähr 111 Kilometer aufweisen. Mit dem Ende der DDR wurde auch das MfS aufgelöst. Damit hatte die Überwachung der eigenen Bürger durch den eigenen Geheimdienst ein Ende.

3,5 Millionen Zeilen Standortdaten

Heute – mehr als 30 Jahre später – kommt dem Internet im Leben vieler Menschen mittlerweile eine große Rolle zu. Die Tatsache, dass Unternehmen dabei auch private Informationen über ihre Nutzer*innen sammeln und speichern, ist den meisten bekannt. Das genaue Ausmaß, in dem diese Überwachung sattfindet, scheint für den Einzelnen hingegen kaum zu überblicken. Die reine Datenmenge, die dabei angehäuft wird, dürfte den Umfang einer durchschnittlichen Stasi-Akte bei weitem übersteigen. Bei Deutschlandfunk gab es 2018 mal ein Feature über Personen, die sich den Spaß gemacht hat, ihre gesamten Daten runterzuladen, die Facebook oder Google in den letzten 10 Jahren über sie gesammelt hatten. Dabei erfuhr ein User ganz neue Dinge über seine Kinder, die mit seinem Account eingeloggt waren. Den größten Anteil machten aber seine Standortdaten aus: 3,5 Millionen Zeilen reiner Text mit Angaben darüber, wo er unterwegs gewesen war – und mit welchem Verkehrsmittel.

 

Im Jahr 1976 ließ die DDR Biermann für eine Tournee im Westen ausreisen, um ihn anschließend unter einem Vorwand auszubürgern. Auch den Grenzübertritt des Sängers am 11. November 1976 hielt die Stasi heimlich auf Foto fest. Für Instagram übernehmen wir die mühsame Spitzelarbeit selber – Selfies und damit verbundene Bewegungsdaten machen’s möglich. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

Liegt auch beim User: Datenschutz im Internet

Die Folgen dieser Datensammelwut sind für Internetnutzer*innen nicht vergleichbar mit denen, die Opfer der Stasi in der DDR zu tragen hatten. Und die Sammelei hat auch erst mal einen anderen Zweck: Daten, die im Internet gesammelt werden, könnten beispielsweise in Zukunft darüber entscheiden, ob jemand einen Kredit von einer Bank erhält oder eben nicht. Ein weiterer wichtiger Unterschied liegt darin, dass es für Internetnutzer*innen Möglichkeiten gibt, der Überwachung zu entgehen: Durch die Wahl einer geeigneten Suchmaschine oder durch das Blockieren von Cookies lässt sich zumindest teilweise verhindern, dass Internetkonzerne durch Überwachung immer tiefer in unsere Privatsphäre eindringen. Bürger*innen der DDR hingegen, die in den Fokus der Stasi gerieten, waren der Überwachung und deren Folgen meist schutzlos ausgeliefert.

Dennoch sollten wir das Projekt „Gläserner Bürger“, zu dem uns Amazon, Google und Co. gemacht haben, mit Misstrauen betrachten. Denn wer garantiert, dass die Daten nicht irgendwann in falsche Hände geraten? Nachrichten über Millionen geleakte Nutzerdaten machen regelmäßig die Runde. Aber auch heutige Geheimdienste können mit Daten, die im Internet unterwegs sind, einiges anfangen.

 

Innenansicht: Auch die Innenräume von Biermanns  Wohnung waren vor der Stasi nicht sicher. Dieses Foto zeigt eines seiner Zimmer und ist vermutlich bei einer heimlichen Durchsuchung entstanden. Heute geht das auch ohne Durchsuchung: Shopping-Profile verraten Amazon , was du zu Hause hast. Die Insta-Story, ob du gerade da bist. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

Bestes Beispiel dafür ist der NSA-Skandal, der 2013 ans Licht kam: Der amerikanische Geheimdienst National Security Agency (NSA) überwachte das Internet global und verdachtsunabhängig in großem Maßstab. Angeblich sollten damit terroristische Anschlägen verhindert werden. Mit sehr viel gutem Willen können wir annehmen, dass das wirklich der einzige Grund war und dass, weil die USA ja ein demokratischer Rechtsstaat sind, die Daten nicht missbraucht werden. Aber auch politische Systeme können sich ändern. Dann wären all unsere Daten irgendwann womöglich in nicht mehr so guten Händen. Insofern kann uns die Geschichte der Stasi – auch wenn sich die Umstände aktuell nicht vergleichen lassen – eine Warnung sein.

 

Autor: Johannes Drobny