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„Das sind ja Stasi-Methoden!“ – WhatsApp, Tiktok und Youtube sammeln allerhand Daten über uns. Wieso es da einen Zusammenhang mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR gibt und warum wir das nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.

204 Minuten. Laut einer Onlinestudie von ARD und ZDF verbringen Menschen in Deutschland so viel Zeit pro Tag im Internet. Umgerechnet sind das fast 3,5 Stunden am Tag (2020). Im Jahr 2019 waren es noch 11 Minuten weniger. Große Internetkonzerne wie Google, Amazon und Facebook sammeln dabei ständig Daten. Sie wissen vieles über ihre Nutzer*innen: Wonach sie suchen, wo ihr aktueller Standort ist und welchen Personen sie Nachrichten senden. Gespeichert werden diese Daten auf Servern, die auf der ganzen Welt verteilt sind. Konzerne nutzen diese Daten unter anderem, um den Nutzern passgenaue Werbung anzuzeigen. Suchen wir im Internet beispielsweise nach einem Handy, wird uns wenig später Werbung über neue Handymodelle angezeigt. Außerdem soll es Internetkonzernen auch möglich sein, mithilfe dieser Daten die politische Einstellung ihrer Nutzer*innen zu berechnen. Als sicher gilt: Internetkonzerne sammeln viele Informationen über ihre Nutzer*innen und dringen dabei immer mehr in deren Privatsphäre ein. Für all diese Informationen hätte sich die Stasi in der DDR sicherlich auch interessiert.

Das Ministerium für Staatssicherheit – Mittel der Machtsicherung in der DDR

Aber was genau war die Stasi? Um diese Frage zu beantworten, muss man einen Blick in die Zeit der DDR werfen. Diese wurde 40 Jahre lang von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) regiert. Freie Wahlen gab es aber nie. Die Stasi – ein Geheimdienst, dessen vollständige Bezeichnung eigentlich „Ministerium für Staatssicherheit“ (MfS) lautet – diente der SED dazu, ihre Macht zu bewahren. Dafür überwachte die Stasi in der DDR nicht nur Bürger*innen, sondern schüchterte sie auch ein. Sie hörte die Menschen ab, öffnete deren Briefpost und durchsuchte deren Wohnungen. Sie zerstörte berufliche Karrieren oder sorgte dafür, dass Bürger*innen aus ihren Sportvereinen ausgeschlossen wurden. Nicht wenige wurden sogar von ihr verschleppt. Fast jeder konnte zum Opfer der Stasi und ihrer Methoden werden. Menschen, die Kontakte in den Westen hatten oder einen – in den Augen der Staatspartei – falschen, politischen Witz erzählten. Aber auch Jugendliche, die westliche Musik hörten, waren der Stasi ein Dorn im Auge. Jeder, der es wagte, sich gegen die SED zu stellen.

Diesem Überwachungsapparat fiel beispielsweise der Liedermacher Wolf Biermann zum Opfer. Dieser siedelte im Jahr 1953 aus Hamburg in die DDR über und geriet bald durch seine kritischen Lieder und Gedichte in den Fokus der Stasi. Wolf Biermann einfach verschwinden zu lassen, war aufgrund seiner Berühmtheit nicht möglich. Deshalb las die Stasi seine Post, hörte seine Telefongespräche und seine Wohnung ab und setzte sogar Spitzel auf ihn an. Am Ende existierten mindesten 56 Akten mit Informationen über ihn. Im Jahr 1976 bürgerte die SED den Liedermacher schließlich aus.

 

Die Stasi interessierte sich auch für die Kontakte, die Biermann hatte: Die Fotografie zeigt Wolf Biermann, der auf der Fahrerseite des PKWs sitzt. Ein Freund verlässt gerade das Auto. WhatsApp und Co. Kennt alle deine Kontakte von vornherein – denn du hast sie freiwillig mit dem Unternehmen geteilt. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

91.000 offizielle Mitarbeiter*innen

Andere Personen, die zum Opfer der Stasi wurden, traf es teils noch viel härter. Sie landeten im Knast, manche wurden sogar hingerichtet. Um diesen ganzen Überwachungsapparat am Laufen zu halten, arbeiteten gegen Ende der DDR mindestens 91.000 offizielle Mitarbeiter*innen für die Stasi. Die Anzahl der Spitzel hingegen, die für die Stasi arbeiteten, war deutlich höher. Über die genaue Anzahl, die von der Stasi selbst als „inoffizielle Mitarbeiter“ bezeichnet wurden, sind sich Historiker*innen nicht ganz einig. Quellen sprechen von bis zu 189.000 Menschen, die heimlich ihre Mitmenschen bespitzelten. Die DDR hatte 1990 16 Millionen Einwohner*innen. Nicht selten wurden so Menschen von ihren eigenen Freunden oder Verwandten beobachtet und verraten.

6 Millionen Akten

Die Stasi häufte in der Zeit ihres Bestehens rund 6 Millionen personenbezogener Akten an. Unterlagen, die heute in den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin lagern und eine Länge von ungefähr 111 Kilometer aufweisen. Mit dem Ende der DDR wurde auch das MfS aufgelöst. Damit hatte die Überwachung der eigenen Bürger durch den eigenen Geheimdienst ein Ende.

3,5 Millionen Zeilen Standortdaten

Heute – mehr als 30 Jahre später – kommt dem Internet im Leben vieler Menschen mittlerweile eine große Rolle zu. Die Tatsache, dass Unternehmen dabei auch private Informationen über ihre Nutzer*innen sammeln und speichern, ist den meisten bekannt. Das genaue Ausmaß, in dem diese Überwachung sattfindet, scheint für den Einzelnen hingegen kaum zu überblicken. Die reine Datenmenge, die dabei angehäuft wird, dürfte den Umfang einer durchschnittlichen Stasi-Akte bei weitem übersteigen. Bei Deutschlandfunk gab es 2018 mal ein Feature über Personen, die sich den Spaß gemacht hat, ihre gesamten Daten runterzuladen, die Facebook oder Google in den letzten 10 Jahren über sie gesammelt hatten. Dabei erfuhr ein User ganz neue Dinge über seine Kinder, die mit seinem Account eingeloggt waren. Den größten Anteil machten aber seine Standortdaten aus: 3,5 Millionen Zeilen reiner Text mit Angaben darüber, wo er unterwegs gewesen war – und mit welchem Verkehrsmittel.

 

Im Jahr 1976 ließ die DDR Biermann für eine Tournee im Westen ausreisen, um ihn anschließend unter einem Vorwand auszubürgern. Auch den Grenzübertritt des Sängers am 11. November 1976 hielt die Stasi heimlich auf Foto fest. Für Instagram übernehmen wir die mühsame Spitzelarbeit selber – Selfies und damit verbundene Bewegungsdaten machen’s möglich. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

Liegt auch beim User: Datenschutz im Internet

Die Folgen dieser Datensammelwut sind für Internetnutzer*innen nicht vergleichbar mit denen, die Opfer der Stasi in der DDR zu tragen hatten. Und die Sammelei hat auch erst mal einen anderen Zweck: Daten, die im Internet gesammelt werden, könnten beispielsweise in Zukunft darüber entscheiden, ob jemand einen Kredit von einer Bank erhält oder eben nicht. Ein weiterer wichtiger Unterschied liegt darin, dass es für Internetnutzer*innen Möglichkeiten gibt, der Überwachung zu entgehen: Durch die Wahl einer geeigneten Suchmaschine oder durch das Blockieren von Cookies lässt sich zumindest teilweise verhindern, dass Internetkonzerne durch Überwachung immer tiefer in unsere Privatsphäre eindringen. Bürger*innen der DDR hingegen, die in den Fokus der Stasi gerieten, waren der Überwachung und deren Folgen meist schutzlos ausgeliefert.

Dennoch sollten wir das Projekt „Gläserner Bürger“, zu dem uns Amazon, Google und Co. gemacht haben, mit Misstrauen betrachten. Denn wer garantiert, dass die Daten nicht irgendwann in falsche Hände geraten? Nachrichten über Millionen geleakte Nutzerdaten machen regelmäßig die Runde. Aber auch heutige Geheimdienste können mit Daten, die im Internet unterwegs sind, einiges anfangen.

 

Innenansicht: Auch die Innenräume von Biermanns  Wohnung waren vor der Stasi nicht sicher. Dieses Foto zeigt eines seiner Zimmer und ist vermutlich bei einer heimlichen Durchsuchung entstanden. Heute geht das auch ohne Durchsuchung: Shopping-Profile verraten Amazon , was du zu Hause hast. Die Insta-Story, ob du gerade da bist. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

Bestes Beispiel dafür ist der NSA-Skandal, der 2013 ans Licht kam: Der amerikanische Geheimdienst National Security Agency (NSA) überwachte das Internet global und verdachtsunabhängig in großem Maßstab. Angeblich sollten damit terroristische Anschlägen verhindert werden. Mit sehr viel gutem Willen können wir annehmen, dass das wirklich der einzige Grund war und dass, weil die USA ja ein demokratischer Rechtsstaat sind, die Daten nicht missbraucht werden. Aber auch politische Systeme können sich ändern. Dann wären all unsere Daten irgendwann womöglich in nicht mehr so guten Händen. Insofern kann uns die Geschichte der Stasi – auch wenn sich die Umstände aktuell nicht vergleichen lassen – eine Warnung sein.

 

Autor: Johannes Drobny

Der Instagram-Account „Schwalbenjahre“ ist eine Zeitreise in die DDR. Die Fotografin Jessica Barthel hat ihn 2019 gegründet, weil sie dem oft einseitigen und negativen Bild der DDR etwas entgegensetzen wollte. Seitdem übernehmen Menschen, die in der früheren DDR aufgewachsen sind, jeweils für eine Woche den Account und posten Fotos mit Geschichten aus der Zeit vor der Wiedervereinigung.

 

Jessica Barthel wurde 1984 in Leipzig geboren und flüchtete wenige Tage vor dem Mauerfall mit ihren Eltern nach Westdeutschland. Anschließend lebte sie in Bayern, bis sie zum Studium nach New York ging. Inzwischen ist sie wieder in ihre Heimat Leipzig zurückgekehrt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Auf ihren Insta-Accounts „Schwalbenjahre“ und „unser letzter Sommer“ berichten Zeitzeugen über ihre Erfahrung der DDR und der Nachwendejahre. (Foto: Daniel Boeck)

Du warst fünf Jahre alt, als die Mauer fiel, und kannst dich dementsprechend nicht mehr an das Aufwachsen in der DDR erinnern. Warum ist dir die Vergangenheit dennoch so wichtig?

Ich habe das Projekt „Schwalbenjahre“ nicht nur für mich gestartet, sondern vor allem für die Generation nach der Wende, die die DDR selbst nicht erlebt haben. Der Instagram-Kanal „Schwalbenjahre“ ist eine Plattform, auf der Menschen aus der ehemaligen DDR, Menschen aus Westdeutschland und jüngere Leute aufeinandertreffen. Die Menschen, die die DDR nicht miterlebt haben, können in den Kommentaren und in Direktnachrichten Fragen stellen und sich mit den Menschen aus der damaligen DDR austauschen. Diesen Dialog finde ich sehr wichtig.

 

 

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Quelle: Sylvia Frost

 

Würdest du sagen, dass das auch so funktioniert?

Ja, ich sehe regelmäßig, dass in den Kommentaren kleine Unterhaltungen beginnen. Ich sehe, dass die Leute Fragen stellen oder beispielsweise kommentieren: „Ich wusste gar nicht, dass es das bei euch auch gab!“. Die Take-over dauern jeweils eine Woche und in dieser Zeit dürfen die User den Account vollständig übernehmen: Beiträge schreiben, Nachrichten beantworten, etc.

 

 

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Quelle: Daniel Böck

 

Die meisten Instagram-Nutzer*innen sind unter 30 Jahre alt. Hast du das Gefühl, dass die Follower von „Schwalbenjahre“ eher älter sind oder dass du hauptsächlich junge Leute erreichst?

Ich habe vor kurzem eine Zielgruppenanalyse durchgeführt und war positiv überrascht, wie durchmischt meine Follower sind. Alle Altersgruppen von 16 bis 50 Jahren sind in etwa gleich vertreten. Den Instagram-Account habe ich ursprünglich für die Digital Natives gegründet, um ihnen das meist triste Thema „DDR“ zielgruppengerecht und möglichst authentisch nahezubringen. Es freut mich natürlich sehr, dass ich nun so viele unterschiedliche Menschen erreiche.

Welches Bild sollten junge Leute denn deiner Meinung nach von der DDR haben?

Es geht mir bei dem Projekt nicht darum, die DDR zu beschönigen oder ausschließlich positiv darzustellen. Aber ich wünsche mir, dass den gängigen Stereotypen von DDR-Bürgern und der DDR als Ort eine weitere Sichtweise hinzugefügt wird. Ich möchte gern dazu beitragen, das Bild der DDR ein bisschen bunter zu machen, als es oft dargestellt wird.

 

 

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Quelle: Katja Ohly-Nauber

 

Du hast inzwischen auch schon einen zweiten Instagram-Kanal namens „unser letzterSommer“ gegründet. Worum geht es denn da?

Bei „unser letzter Sommer“ geht es um die Nachwendejahre, also die 1990er Jahre. Es geht darum, das Lebenswerk der Menschen anzuerkennen. Für den Großteil der Menschen war es wahnsinnig schwer, ihr Leben neu zu beginnen, egal in welcher Lebensphase sie waren. Das fängt damit an, dass Kinder in der Schule auf einmal ihre Bücher auswechseln mussten. Viele Erwachsene haben ihre Arbeit verloren, weil der Betrieb, in dem sie gearbeitet haben, geschlossen wurde. Manche, zum Beispiel Leute kurz vor der Rente, haben gar keine Arbeit mehr gefunden. Ich finde es sehr wichtig, den Leuten, die das nicht miterlebt haben, zu zeigen, wie viel sich im Leben der Menschen geändert hat.

 

 

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Quelle: Sandra Molnár

 

 

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Quelle: Katrin Freiburghaus

 

Du hast schon zwei thematische Instagram-Accounts gegründet und ein knapp 300-seitiges Buch „Schwalbenjahre“ herausgegeben. Was hast du als Nächstes vor?

Es wird schon sehr bald eine englischsprachige Version von Schwalbenjahre geben. Ich denke, vor allem außerhalb des deutschsprachigen Raums gibt es großen Aufklärungsbedarf. Auch das Buch „Schwalbenjahre – Ein Erinnerungsportrait der DDR“ wird auf Englisch erscheinen.

Was würdest du dir wünschen, dass deine Projekte bewirken?

Ich möchte, dass die Leute den Mensch hinter dem System DDR sehen. Ich wünsche mir, dass sie weniger Vorurteile haben und mehr Respekt vor der Lebensleistung einiger Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sandra Schaftner, Chemnitz

 

Infobox:

Jessica Barthel wurde 1984 in Leipzig geboren und flüchtete wenige Tage vor dem Mauerfall mit ihren Eltern nach Westdeutschland. Anschließend lebte sie in Bayern, bis sie zum Studium nach New York ging. Inzwischen ist sie wieder in ihre Heimat Leipzig zurückgekehrt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Auf ihren Insta-Accounts „Schwalbenjahre“ und „unser letzter Sommer“ berichten Zeitzeugen über ihre Erfahrung der DDR und der Nachwendejahre.

Foto Jessica Barthel: Jessica_Barthel_Presspicture_by_Daniel_Boeck

Wie war es, in der DDR aufzuwachsen und zu leben? Was bedeutete es damals jung zu sein und sich ein eigenes Leben und eine Zukunft aufzubauen? An welche Grenzen stieß man früher oder später? Diesen Fragen sind Schüler*innen der Klasse 10a aus der Regelschule Berga/Thüringen nachgegangen und haben ihre Rechercheergebnisse in einem Erklärfilm zusammengetragen.

Aufgrund der Corona-Pandemie konnte die Projektwoche nicht als Präsenzveranstaltung vor Ort durchgeführt werden. Die Schüler*innen wussten sich digital zu helfen: Die Bild- und Tonaufnahmen entstanden mit einem Smartphone und als Halterung dienten Wörterbücher und ein Lineal. Beratungen und Redaktionssitzungen mit den Medienpädagogen fanden online statt und waren für alle Beteiligten eine ganz neue Erfahrung.

Welche Orte zeugen noch von der Teilung Berlins?

Mit der Kamera haben wir uns auf die Spur gemacht: Entlang des Berliner Mauerwegs, der 30 Jahre nach der deutschen Einheit auf etwa 160 km Länge den Verlauf der ehemaligen Grenzanlagen um West-Berlin sicht- und vor allem begehbar macht.

Wir stellen uns die Frage: Wo ist die Teilung der Stadt noch sichtbar und wo ist es eigentlich nur noch eine Erinnerung?

 

 

 

Die späte Dezember-Dämmerung lässt den Südlichen Heidekampgraben an der Grenze zwischen Neukölln und Treptow-Köpenick mysteriös erscheinen. Dass hier zwischen 1961 und 1989 eine Mauer die Berliner Bezirke geteilt haben soll, lässt sich kaum erahnen. Nur der Wegweiser, der uns über den gesamten Tag begleiten soll, verrät etwas über die Geschichte des Parks.

 

 

Am Treptower Park vorbei geht es mit dem Bus Richtung Neukölln. In Alt-Treptow stoßen wir auf eine Doppelpflastersteinreihe. Diese dient im gesamten Innenstadtbereich zur Markierung des Mauerverlaufs. Noch vor gut 30 Jahren unvorstellbar; heute dient die Fläche als Parkplatz und wurde irgendwann in den letzten Jahren bebaut. Der Name des Spätis erinnert weiterhin an die Geschichte.

 

 

Zurück im gelben Bus überqueren wir die Spree und fahren zu einem touristischen Highlight, welches die Hauptstadt seit dem 28. September 1990 zu bieten hat: Die East Side Gallery. Etwas mehr als 1,3 km der Originalmauer sind hier bis heute am Stück erhalten. 118 Künstler*innen aus 21 Ländern beteiligten sich an der Open-Air-Ausstellung.

 

 

Weiter geht es nach Berlin-Mitte – zum Checkpoint Charlie. An der Ecke Friedrichstraße und Zimmerstraße finden wir den ehemaligen Grenzübergang, welcher durch Requisiten einen historischen Ort sichtbar macht und daher eine gutbesuchte Sehenswürdigkeit darstellt. Aufgrund der aktuellen Situation fühlt es sich jedoch an, als würden selbst diese Orte in Vergessenheit geraten, ganz ohne Tourist*innen.

 

 

Die U-Bahn bringt uns an die Grenze zum Wedding. Hier müssen wir etwas länger suchen, um eine Erinnerung an die Teilung Berlins zu finden. Das bewachsene Stück der Berliner Mauer hat sich auch lange Zeit vor der Öffentlichkeit verborgen, sodass es erst im Jahr 2018 wiederentdeckt wurde.

 

 

Der letzte Teil unserer Tour führt uns nur einen kurzen Fußweg weiter, erneut an einen sehr bekannten Ort: Die Gedenkstätte Berliner Mauer. Das Areal hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Teilung und die verbundene Geschichte der Stadt sichtbar zu machen. So befindet sich dort das letzte Stück der Berliner Mauer, das in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist und einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 1980er Jahre vermittelt.

 

 

Unser fotografischer Ausflug entlang der ehemaligen Berliner Mauer hat uns verdeutlicht: Die Erinnerung an die Teilung der Stadt ist allgegenwärtig. Häufig nur mit kleinen Hinweisen versehen und teilweise verborgen. Zugleich zeigt sich, die sichtbaren Orte sind Treffpunkt der ganzen Welt geworden, wenn Tourist*innen die historischen Sehenswürdigkeiten besuchen. Sie sind auch Orte des Alltäglichen geworden, wenn Berliner*innen im Ost-West Späti einkaufen, ihr Auto im öffentlichen Raum parken oder mit dem Hund spazieren gehen.

Kristin Pöllmann

Iuliia Derbenova

 

In der Lorenzkirche in Erfurt fanden 1978 die ersten Friedensgebete der DDR statt. Um diesen historischen Ort und seine Bedeutung bis heute kennenzulernen, trafen sich Schüler*innen sowie die Filmemacherin Franziska Bausch-Moser mit Matthias Sengewald. Er ist seit 1986 teil einer Gruppe von Ehrenamtlichen, von denen die Friedensgebete organisiert und abgehalten werden und koordiniert diese seit nun sechs Jahren. Auch als aus dem Friedensgebet und dem ersten „Gang der Betroffenheit“ schließlich die erste Demonstration in Erfurt entstand, war er mit dabei. Er erzählt lebhaft von seinen Erinnerungen an die erste Demo auf dem Domplatz und spricht über die sich wandelnde Rolle der Kirchen. In der DDR als Freiräume, um sich zu treffen, ungestört auszutauschen und zu diskutieren – Räume, die man in einer offenen Gesellschaft auch anderswo findet.

In einem kurzen Interview sprechen wir mit Tom Leistner, Gründer und Sprecher der Ortsgruppe Erfurt der politischen NGO „Aufbruch Ost“ darüber, warum es im Osten einen gesellschaftlichen Aufbruch braucht und sie den Rechten und Konservativen nicht die Deutungshoheit über die Geschichte ab 1989 überlassen wollen. Er erzählt, welche Perspektiven beim Erinnern an die ostdeutsche Geschichte fehlen und regt an, deren Bezug zur heutigen politischen Lage aufzumachen. Dafür führt Aufbruch Ost Zeitzeug:innengespräche und organisert Podiumsdiskussionen. Gegründet hat sich Aufbruch Ost 2018 zum Lichtfest in Leipzig, um eine kritische Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung und die Aufarbeitung der Transformationsgeschichte zu fordern.

Sebastian Jung, Künstler aus Leipzig, hat sich schon in vorherigen Arbeiten wie beispielsweise „Ostdeutsch-Now“ mit der Teilung Deutschlands und Fragen zu ostdeutschen Realitäten beschäfigt. Dabei interessiert ihn insbesondere aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft. In dem kurzen Video stellen wir sein aktuelles multimediales Kunstprojekt „Bananen für Wuppertal“ vor. Mehr dazu auf bananen-wuppertal.de.

An der Gedenkstätte „Point Alpha“ zwischen Thüringen und Hessen machten wir uns auf, um verschiedene Meinungen von Spaziergänger:innen zu einem gemeinsamen Brief an Deutschland zu verweben. Die Idee kam gut an. Viele blieben kurz stehen und nutzten die Gelegenheit, um ihre Gedanken zu 30 Jahre Einheit mitzuteilen. Von jungen Leuten, die Deutschland als geteiltes Land nie kennengelernt haben, über Passant:innen aus dem Ausland, bis hin zu Personen, die live bei der Grenzöffnung vor Ort waren.

Bei schönstem Wetter war irgendwie klar, dass sich vor allem diejenigen beteiligen, die etwas Positives zu berichten haben. Kritische Stimmen, die im gesellschaftlichen Diskurs immer präsenter werden, finden sich in diesem Brief deshalb kaum.
Und doch, ob nun tatsächlich stehengeblieben und mitgemacht, oder nur im Vorbeilaufen ins Gespräch gekommen: alle waren sich einig, dass solche Aktionen wichtig sind, um das Vergangene in Erinnerung zu behalten und aus der Geschichte lernen zu können.

Verantwortlich für den Beitrag sind die Filmemacher:innen Franziska Bausch-Moser und Niels Bauder

Wo stehen wir heute, 30 Jahre nach der Deutschen Einheit? Wie hat uns dieses Ereignis geprägt – egal, ob wir damals schon auf der Welt waren oder nicht? „Einheit ist eine in sich geschlossene Ganzheit, Verbundenheit (…) und innere Zusammengehörigkeit“, schreibt der Duden. Gehören wir Menschen aus Ost und West mittlerweile wirklich zusammen? Was zeichnet diese innere Einheit heute noch aus? Oder ist das alles nur noch ein undefinierbarer Einheitsbrei ohne erkennbares Profil?

Um das herauszufinden, hat Franziska Klemm ein Medienprojekt via Social Media gestartet, um besonders unterschiedliche Menschen aus ganz Deutschland und sogar weltweit zu erreichen. Über Instagram, Skype und Sprachnachrichten hat sie unterschiedlichste User zu ihren Gedanken über die Deutsche Einheit befragt, die bei diesem „Social-Media-Audio-Experiment“ mitwirkten.

 

Wir freuen uns immer auf Feedbacks von den Schuler*innen, die an den Projekten arbeiten. Dadurch bekommen wir einen Einblick in die praktische Realisierung des Projektes und lernen, wie die Realisierungsphase besser gestaltet werden kann. Dieses Mal erhielten wir ein Feedback von Alia – die Schülerin der Staatlichen Regelschule Berga. Alia arbeitete zusammen mit anderen Schüler*innen aktiv an dem Film „30 Jahre Mauerfall. Die Jugend Früher VS Heute“ und führte Interview mit einem Zeitzeugen.

„Die Projektwoche rund um die Wiedervereingigung war für mich persönlich sehr informativ. Ich habe Dinge erfahren die ich mir ganz anders vorgestellt habe. Das Interview mit einem Zeitzeugen welches ich geführt habe, fand ich sehr interessant. Es ist wichtig zu wissen, was sich in den 30 Jahren seit der Wiedervereinigung verändert hat. Ich persönlich habe jetzt einen etwas anderen Blick auf die Dinge als vorher. Ich finde es erstaunlich, dass unsere befragten Zeitzeugen vor der „Wende“ viel zufriedener waren als sie es jetzt sind. Obwohl sie wenig besaßen und im Verhältnis zu heute auch nicht so viele Möglichkeiten hatten, führten sie damals ein glücklicheres Leben -auch ohne Luxus wie wir es zu der heutigen Zeit gewohnt sind.

Uns hat mir besonders gut gefallen, dass wir unsere eigenen Ideen – was beispielsweise die Gestaltung unseres Filmes etc angeht – selber umsetzen durften und wir alles so machen konnten, wie wir es uns vorgestellt haben, ohne Vorschriften oder Einschränkungen. Außerdem fanden wir es cool, dass einige von uns ihre eigene Meinung mit einbringen durften.

Zu Beginn des Projekts gab es zwar einige technische Probleme, die wir aber schnell in den Griff bekamen. Was ich auch nicht so gut fand ist, dass wir unsere Gruppe zu der Freizeit in der DDR nochmals in drei kleine Gruppen aufgeteilt haben, dies hat die Organisation des Projekts etwas komplizierter gemacht.“