Ein Blick in die Köpfe junger Ost- und Westdeutscher

Am 3. Oktober 1990 ist die „Deutsche Demokratische Republik“ (DDR) der Bundesrepublik beigetreten. Aber wie sieht es heute – mehr als 30 Jahre später – mit dem Stand der Deutschen Einheit aus, auch in den Köpfen junger Menschen? Mit dieser Frage sind wir nicht allein: Die Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ geht ihr ebenfalls nach. Johannes hat mit Rainer Faus, Geschäftsführer der pollytix strategic research gmbh und einer der Autoren dieser Studie, gesprochen.


Rainer Faus/ (c) Philipp Jester

Die Wiedervereinigung ist in ost- und westdeutschen Familien unterschiedlich häufig ein Thema. Nur etwa jede*r vierte junge Westdeutsche gibt an, dass Eltern und Familie „eher“ oder „sehr häufig“ darüber gesprochen haben. Wie sieht es in ostdeutschen Familien aus?

Die Wiedervereinigung ist in ostdeutschen Familien deutlich häufiger ein Thema gewesen. Das ist jetzt auch wenig verwunderlich, weil sich natürlich die Wiedervereinigung und deren Folgen in ostdeutschen Familien deutlich stärker ausgedrückt haben: gebrochene Berufsbiografien, das deutlich veränderte Leben und Produkte, die nicht mehr in Regalen standen. Das war in Westdeutschland weniger der Fall. Ostdeutschland hat sich im Grunde an Westdeutschland angepasst und nicht umgekehrt.

 

Wie sieht der Blick in die Zukunft bei jungen Menschen in Ost und West aus? Überwiegen Zweifel und Ängste oder Hoffnung und Zuversicht?

Alles in allem kann man sagen, dass sowohl junge Westdeutsche als auch junge Ostdeutsche eher optimistisch an ihre eigene Zukunft denken. Gleichzeitig muss man hier ein kleines bisschen genauer hinschauen. Wenn man beispielsweise auf wirtschaftliche Aussichten schaut, dann sieht man, dass im Osten die wirtschaftlichen Aussichten in der eigenen Region seltener als positiv eingeschätzt werden. Das hängt damit zusammen, dass es im Osten dann doch mehr strukturschwache Regionen gibt.

 

 

Macht es für junge Menschen aus den neuen und alten Bundesländern einen Unterschied, aus welchem der beiden Teile jemand kommt?

Wir haben im Rahmen unserer Untersuchung angefangen, mit den Leuten über ihr Leben zu reden. Es ist nicht so, dass diese sofort einsteigen mit: „Ich bin Ostdeutscher und ich bin benachteiligt“. Das hört man dann im Gespräch später heraus, wenn man zum Thema Wiedervereinigung kommt. Da zeigen sich schon Unterschiede. Im Westen ist die Sichtweise deutlich stärker vertreten, dass es eben keinen Unterschied mehr macht, ob man aus Ost- oder Westdeutschland kommt. In Ostdeutschland ist das anders. Ist aber wie gesagt eine Sache, die man jetzt nicht mit einem Schild vor sich herträgt.

 

 

Wenn man junge Menschen danach fragt, wie sie den „typischen Ossi“- oder den „typischen Wessi“ beschreiben würden: Verwenden sie Stereotype?

Junge Ostdeutsche sehen Westdeutsche als arroganter, wohlhabender und auch als besser bezahlt. Das deckt sich mit dem Bild der jungen Westdeutschen von sich selbst. Wenn man sich Stereotype über die Ostdeutschen anschaut, werden die Ostdeutschen als ärmer gesehen. Die Ostdeutschen sehen sich selbst auch als ärmer, aber gleichzeitig auch als bescheidener und bodenständiger. Das sind Stereotype, die wir in der Gesamtbevölkerung sehen, die sich hier offensichtlich bei der jungen Bevölkerung fortgepflanzt haben.

 

Fühlen sich junge Leute – je nachdem, wo sie herkommen – stärker mit Ost- oder Westdeutschland verbunden?

Überall in Deutschland gibt es regionale Identitäten. Die Bayern beispielsweise haben eine sehr starke regionale Identität, in Sachsen ist es ähnlich. Das gibt es in ganz Deutschland, was aber in Ostdeutschland dazukommt, ist diese eine Schicht an Identität, die spezifisch ostdeutsch ist. Diese ostdeutsche Identität ist jetzt nicht unbedingt eine Abgrenzung, aber schon eine gemeinsame identitätsstiftende Sache. In Westdeutschland ist diese eine zusätzliche Schicht an Identität so nicht zu finden. Dadurch ist es auch so, dass es in Ostdeutschland einen deutlich höheren Prozentsatz gibt, der angibt, dass er sich eher als ostdeutsch fühlt. So finden wir das bei Westdeutschen nicht.

 

 

In einigen Bereichen zeigen sich Unterschiede im Denken junger Menschen aus Ost und West. Würde man nicht ebenfalls Unterschiede finden, wenn man Vergleiche zwischen den jungen Leuten in Nord- und Süddeutschland zieht?

Also regionale Unterschiede würde es vermutlich auch dann geben. Der Süden in Ostdeutschland tickt ja zum Beispiel etwas konservativer, der Norden tickt in der Tendenz etwas progressiver. Was wir aber vermutlich nicht finden würden, ist die Tatsache, dass man sich abgrenzt vom anderen Landesteil – zum Beispiel auch über ein Gefühl der Benachteiligung. Dieses Benachteiligungsgefühl gegenüber Süddeutschland gibt es in Norddeutschland nicht und umgekehrt genauso wenig. Das hängt damit zusammen, dass mit der DDR ein ganzer Staat im Grunde abgeschafft wurde.

 

Junge Menschen in Ost- und Westdeutschland denken und fühlen in vielen Dingen ähnlich, es gibt aber auch immer noch Unterschiede. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Wir haben hierfür zwei Thesen getestet. Die eine These ist, dass es an der Sozialisation liegt, wie also die Wiedervereinigung in der Familie oder im Umkreis besprochen wurde. Die zweite These ist, dass es an der Situation der Menschen in Ostdeutschland und Westdeutschland liegt. So könnte es zum Beispiel sein, dass die wirtschaftliche Lage eine andere ist.

Wir haben gefunden, dass beides Einfluss hat. Die Sozialisation spielt vermutlich eine etwas größere Rolle. Gleichzeitig ist es aber so, dass im Osten die wirtschaftlichen Aussichten und die regionalen Jobchancen anders eingeschätzt werden. Auch das Gefühl, dass es in Deutschland gerecht zugeht, fällt im Osten dementsprechend niedriger aus.

Das Spannende beim letzten Punkt ist allerdings, dass das ein Effekt ist, der im Westen ebenfalls auftritt, sobald die Chancen als nicht gut eingeschätzt werden. Das ist in abgehängten Regionen in Westdeutschland und in Ostdeutschland ähnlich. Es ist aber so, dass es im Osten in der Fläche mehr strukturschwache Regionen gibt. Deswegen gibt es hier auch größere Unterschiede aus der Situation heraus. Die Sozialisation als Ursache für wahrgenommene Unterschiede tritt dagegen nur im Osten auf.

 

Gibt es Möglichkeiten, diese Unterschiede zu verringern?

Im Osten gibt es das Gefühl: „Wir haben nie Anerkennung für die Leistung bekommen, uns an dieses neue System angepasst zu haben“. Etwas überspitzt formuliert, ist das westdeutsche Gefühl: „Wir haben das alles bezahlt, dafür haben sich die Ostdeutschen bei uns nie bedankt“. Es geht hier also im Grunde um eine Aufarbeitung, also darum Ostdeutsche und Westdeutsche auf die Couch zu legen: Sozusagen eine gemeinsame Paartherapie zu machen und drüber zu reden, was ist hier eigentlich gut gelaufen, was ist hier schlecht gelaufen und was wünschen wir uns. Die andere Sache ist, dass die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland weniger rosig ist als in Westdeutschland. Natürlich gibt es auch in Westdeutschland abgehängte Regionen. Aber sowohl das subjektive Empfinden als auch die objektiven Zahlen belegen, dass die Wirtschaftskraft im Osten eine andere ist, auch die Einkommen sind andere. Wenn sich das verringert, dann würden sich vermutlich auch die Unterschiede verringern.

 

Wie lautet Ihr Fazit? Gibt es die Mauer im Kopf bei jungen Menschen immer noch?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ganz allgemein würde ich aber sagen, dass sie natürlich weniger stark vorhanden ist als bei der älteren Generation. Solange aber das Benachteiligungsgefühl besteht und solange die persönliche Situation und die Situation der eigenen Region durchschnittlich schlechter beurteilt wird als im Westen, wird es da auch weiterhin Unterschiede geben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Johannes Drobny

 

Infobox:

Rainer Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research gmbh. Pollytix bietet forschungsbasierte  strategische Beratung zu gesellschaftlichen und politischen Fragen an. Die Kunden stammen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Zusammen mit pollytix hat Rainer Faus für die Otto-Brenner-Stiftung die Studie „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“ durchgeführt.