Voll überwacht

„Das sind ja Stasi-Methoden!“ – WhatsApp, Tiktok und Youtube sammeln allerhand Daten über uns. Wieso es da einen Zusammenhang mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR gibt und warum wir das nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.

204 Minuten. Laut einer Onlinestudie von ARD und ZDF verbringen Menschen in Deutschland so viel Zeit pro Tag im Internet. Umgerechnet sind das fast 3,5 Stunden am Tag (2020). Im Jahr 2019 waren es noch 11 Minuten weniger. Große Internetkonzerne wie Google, Amazon und Facebook sammeln dabei ständig Daten. Sie wissen vieles über ihre Nutzer*innen: Wonach sie suchen, wo ihr aktueller Standort ist und welchen Personen sie Nachrichten senden. Gespeichert werden diese Daten auf Servern, die auf der ganzen Welt verteilt sind. Konzerne nutzen diese Daten unter anderem, um den Nutzern passgenaue Werbung anzuzeigen. Suchen wir im Internet beispielsweise nach einem Handy, wird uns wenig später Werbung über neue Handymodelle angezeigt. Außerdem soll es Internetkonzernen auch möglich sein, mithilfe dieser Daten die politische Einstellung ihrer Nutzer*innen zu berechnen. Als sicher gilt: Internetkonzerne sammeln viele Informationen über ihre Nutzer*innen und dringen dabei immer mehr in deren Privatsphäre ein. Für all diese Informationen hätte sich die Stasi in der DDR sicherlich auch interessiert.

Das Ministerium für Staatssicherheit – Mittel der Machtsicherung in der DDR

Aber was genau war die Stasi? Um diese Frage zu beantworten, muss man einen Blick in die Zeit der DDR werfen. Diese wurde 40 Jahre lang von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) regiert. Freie Wahlen gab es aber nie. Die Stasi – ein Geheimdienst, dessen vollständige Bezeichnung eigentlich „Ministerium für Staatssicherheit“ (MfS) lautet – diente der SED dazu, ihre Macht zu bewahren. Dafür überwachte die Stasi in der DDR nicht nur Bürger*innen, sondern schüchterte sie auch ein. Sie hörte die Menschen ab, öffnete deren Briefpost und durchsuchte deren Wohnungen. Sie zerstörte berufliche Karrieren oder sorgte dafür, dass Bürger*innen aus ihren Sportvereinen ausgeschlossen wurden. Nicht wenige wurden sogar von ihr verschleppt. Fast jeder konnte zum Opfer der Stasi und ihrer Methoden werden. Menschen, die Kontakte in den Westen hatten oder einen – in den Augen der Staatspartei – falschen, politischen Witz erzählten. Aber auch Jugendliche, die westliche Musik hörten, waren der Stasi ein Dorn im Auge. Jeder, der es wagte, sich gegen die SED zu stellen.

Diesem Überwachungsapparat fiel beispielsweise der Liedermacher Wolf Biermann zum Opfer. Dieser siedelte im Jahr 1953 aus Hamburg in die DDR über und geriet bald durch seine kritischen Lieder und Gedichte in den Fokus der Stasi. Wolf Biermann einfach verschwinden zu lassen, war aufgrund seiner Berühmtheit nicht möglich. Deshalb las die Stasi seine Post, hörte seine Telefongespräche und seine Wohnung ab und setzte sogar Spitzel auf ihn an. Am Ende existierten mindesten 56 Akten mit Informationen über ihn. Im Jahr 1976 bürgerte die SED den Liedermacher schließlich aus.

 

Die Stasi interessierte sich auch für die Kontakte, die Biermann hatte: Die Fotografie zeigt Wolf Biermann, der auf der Fahrerseite des PKWs sitzt. Ein Freund verlässt gerade das Auto. WhatsApp und Co. Kennt alle deine Kontakte von vornherein – denn du hast sie freiwillig mit dem Unternehmen geteilt. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

91.000 offizielle Mitarbeiter*innen

Andere Personen, die zum Opfer der Stasi wurden, traf es teils noch viel härter. Sie landeten im Knast, manche wurden sogar hingerichtet. Um diesen ganzen Überwachungsapparat am Laufen zu halten, arbeiteten gegen Ende der DDR mindestens 91.000 offizielle Mitarbeiter*innen für die Stasi. Die Anzahl der Spitzel hingegen, die für die Stasi arbeiteten, war deutlich höher. Über die genaue Anzahl, die von der Stasi selbst als „inoffizielle Mitarbeiter“ bezeichnet wurden, sind sich Historiker*innen nicht ganz einig. Quellen sprechen von bis zu 189.000 Menschen, die heimlich ihre Mitmenschen bespitzelten. Die DDR hatte 1990 16 Millionen Einwohner*innen. Nicht selten wurden so Menschen von ihren eigenen Freunden oder Verwandten beobachtet und verraten.

6 Millionen Akten

Die Stasi häufte in der Zeit ihres Bestehens rund 6 Millionen personenbezogener Akten an. Unterlagen, die heute in den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin lagern und eine Länge von ungefähr 111 Kilometer aufweisen. Mit dem Ende der DDR wurde auch das MfS aufgelöst. Damit hatte die Überwachung der eigenen Bürger durch den eigenen Geheimdienst ein Ende.

3,5 Millionen Zeilen Standortdaten

Heute – mehr als 30 Jahre später – kommt dem Internet im Leben vieler Menschen mittlerweile eine große Rolle zu. Die Tatsache, dass Unternehmen dabei auch private Informationen über ihre Nutzer*innen sammeln und speichern, ist den meisten bekannt. Das genaue Ausmaß, in dem diese Überwachung sattfindet, scheint für den Einzelnen hingegen kaum zu überblicken. Die reine Datenmenge, die dabei angehäuft wird, dürfte den Umfang einer durchschnittlichen Stasi-Akte bei weitem übersteigen. Bei Deutschlandfunk gab es 2018 mal ein Feature über Personen, die sich den Spaß gemacht hat, ihre gesamten Daten runterzuladen, die Facebook oder Google in den letzten 10 Jahren über sie gesammelt hatten. Dabei erfuhr ein User ganz neue Dinge über seine Kinder, die mit seinem Account eingeloggt waren. Den größten Anteil machten aber seine Standortdaten aus: 3,5 Millionen Zeilen reiner Text mit Angaben darüber, wo er unterwegs gewesen war – und mit welchem Verkehrsmittel.

 

Im Jahr 1976 ließ die DDR Biermann für eine Tournee im Westen ausreisen, um ihn anschließend unter einem Vorwand auszubürgern. Auch den Grenzübertritt des Sängers am 11. November 1976 hielt die Stasi heimlich auf Foto fest. Für Instagram übernehmen wir die mühsame Spitzelarbeit selber – Selfies und damit verbundene Bewegungsdaten machen’s möglich. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

Liegt auch beim User: Datenschutz im Internet

Die Folgen dieser Datensammelwut sind für Internetnutzer*innen nicht vergleichbar mit denen, die Opfer der Stasi in der DDR zu tragen hatten. Und die Sammelei hat auch erst mal einen anderen Zweck: Daten, die im Internet gesammelt werden, könnten beispielsweise in Zukunft darüber entscheiden, ob jemand einen Kredit von einer Bank erhält oder eben nicht. Ein weiterer wichtiger Unterschied liegt darin, dass es für Internetnutzer*innen Möglichkeiten gibt, der Überwachung zu entgehen: Durch die Wahl einer geeigneten Suchmaschine oder durch das Blockieren von Cookies lässt sich zumindest teilweise verhindern, dass Internetkonzerne durch Überwachung immer tiefer in unsere Privatsphäre eindringen. Bürger*innen der DDR hingegen, die in den Fokus der Stasi gerieten, waren der Überwachung und deren Folgen meist schutzlos ausgeliefert.

Dennoch sollten wir das Projekt „Gläserner Bürger“, zu dem uns Amazon, Google und Co. gemacht haben, mit Misstrauen betrachten. Denn wer garantiert, dass die Daten nicht irgendwann in falsche Hände geraten? Nachrichten über Millionen geleakte Nutzerdaten machen regelmäßig die Runde. Aber auch heutige Geheimdienste können mit Daten, die im Internet unterwegs sind, einiges anfangen.

 

Innenansicht: Auch die Innenräume von Biermanns  Wohnung waren vor der Stasi nicht sicher. Dieses Foto zeigt eines seiner Zimmer und ist vermutlich bei einer heimlichen Durchsuchung entstanden. Heute geht das auch ohne Durchsuchung: Shopping-Profile verraten Amazon , was du zu Hause hast. Die Insta-Story, ob du gerade da bist. (Bildquelle: BStU / www.stasi-mediathek.de)

 

Bestes Beispiel dafür ist der NSA-Skandal, der 2013 ans Licht kam: Der amerikanische Geheimdienst National Security Agency (NSA) überwachte das Internet global und verdachtsunabhängig in großem Maßstab. Angeblich sollten damit terroristische Anschlägen verhindert werden. Mit sehr viel gutem Willen können wir annehmen, dass das wirklich der einzige Grund war und dass, weil die USA ja ein demokratischer Rechtsstaat sind, die Daten nicht missbraucht werden. Aber auch politische Systeme können sich ändern. Dann wären all unsere Daten irgendwann womöglich in nicht mehr so guten Händen. Insofern kann uns die Geschichte der Stasi – auch wenn sich die Umstände aktuell nicht vergleichen lassen – eine Warnung sein.

 

Autor: Johannes Drobny