Mama bleibt zuhause, Papa arbeitet – diese Rollenverteilung hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Dafür ist auch die Rolle der Frau in der DDR verantwortlich, die etwas anders war als in der alten BRD. Doch was stimmt an dem Bild von den gleichberechtigten Frauen in der DDR?

30 Jahre Deutsche Einheit, aber die Geschlechterrollen in Ost- und Westdeutschland unterscheiden sich bis heute. Beispielsweise verzichten Frauen mit Kindern in Westdeutschland häufiger auf einen Vollzeitjob, als Mütter in Ostdeutschland. Das hat Tradition: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Frauen in Westdeutschland typischerweise Mütter und Hausfrauen, bis 1977 durften sie sogar nur mit dem Einverständnis ihrer Männer arbeiten.¹ Frauen in Ostdeutschland galten grundsätzlich als emanzipierter, sie waren seit 1949 gesetzlich gleichberechtigt, durften ihre Arbeit frei wählen und mussten genauso bezahlt werden wie männliche Kollegen.² Das Idealbild waren arbeitstätige Mütter.³


Gleichberechtigung im Job?

Da werktätige DDR-Frauen ihr eigenes Gehalt hatten, waren sie theoretisch nicht abhängig von ihren Männern – die wirtschaftliche Unabhängigkeit wurde als Grundbaustein für die Gleichberechtigung in der DDR betrachtet. Das funktionierte allerdings in der Praxis nicht komplett. In Ost wie West verdienten Männer mehr, denn Frauen arbeiteten häufig in schlecht bezahlten Wirtschaftszweigen. Außerdem war es genau wie in der alten BRD und heute im vereinten Deutschland für Frauen schwer, Karriere zu machen – trotz gleicher Qualifikation erhielten sie oft Jobs mit weniger Verantwortung und damit Gehalt.


Das bisschen Hausarbeit…

Wie sieht es mit Gleichberechtigung in der DDR zu Hause aus? Frauen sollten hier möglichst in Vollzeit arbeiten und der Großteil von ihnen tat das auch – damit hörte die Arbeit jedoch nicht auf. Denn genau wie im Westen waren Frauen verantwortlich für Waschen, Putzen, Kochen und andere Haushaltsarbeiten. Das stellte eine hohe Belastung dar.⁴ Ende der 1970er und in den 1980er erledigten Frauen mehr als 30 Stunden Hausarbeit pro Woche.⁵ Auf gesellschaftlicher und politischer Ebene wurde diese zusätzliche Arbeit und die ungerechte Verteilung kaum thematisiert. Bis heute wird Hausarbeit vor allem von Frauen erledigt. Schließlich gelten Frauen grundsätzlich als ordentlicher – und besser kochen können sie angeblich auch. Die Rollenverteilung wird zementiert, obwohl Frauen so nicht geboren, sondern dazu erzogen werden.

Kinder und Karriere?

Einzigartig war im Osten das Angebot zur Kinderbetreuung: Ab Ende der 1960er Jahre wurden in der DDR Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorte ausgebaut⁶ – Kinder konnten meist von 6 bis 18 Uhr betreut werden, in großen Betrieben und Universitäten gab es eigene Kindergärten.⁷ In der BRD gab es kaum Möglichkeiten, vor allem kleinere Kinder zu betreuen, die wenigen vorhandenen Einrichtungen waren vor allem für eine halbtägige Betreuung da.⁸


Für den Artikel habe ich mit Frauen aus meiner Familie gesprochen, die in den 1960ern in der DDR kleine Kinder hatten. Meine Großtante Friedgard A. erlebte in dieser Zeit die Schwierigkeiten einer Alleinerziehenden. Um finanziell über die Runden zu kommen, musste die gelernte Krankenschwester Vollzeit im Schichtdienst arbeiten. Da sie nicht in der Nähe ihrer Familie lebte, war niemand da um ihren Sohn zu versorgen. So wurde er ab dem Alter von 10 Wochen in der Wochenkrippe, also durchgängig von Montag bis Freitag, betreut – normalerweise konnte Friedgard ihn nur am Wochenende nach Hause holen. Obwohl sie ihren Beruf mochte und sich an schöne Situationen mit Kolleg*innen erinnert, nimmt sie die Zeit als anstrengend und entbehrungsreich wahr. „Du hattest gar keine andere Chance als zu funktionieren, du konntest dir auch keine Träume machen“, erzählt sie. Ganz anders nahm meine Großmutter Ursula F. ihre Zeit als berufstätige Mutter wahr. Auch sie war in den 1960ern alleinerziehend, allerdings lebte sie bei ihren Eltern und wurde von ihnen in der Kinderbetreuung unterstützt. Sie ging nach der Geburt und einer achtwöchigen bezahlten Auszeit wieder arbeiten, allerdings für die nächsten fünf Jahre halbtags, um Zeit für ihren Sohn zu haben.

In den 1970ern und 80ern wurde es durch politische und finanzielle Unterstützung für Frauen in der DDR leichter, Kinderbetreuung und Arbeit zu verbinden.⁹ In der BRD gab es zwar auch zunehmend staatliche Unterstützung, allerdings später und weniger als in der DDR.¹⁰

Trotz der Verbesserungen schulterten weiterhin Frauen die Mehrbelastung. In beiden Teilen Deutschlands protestierten sie gegen diese ungerechte Verteilung¹¹. In der DDR eher passiv: Hier stiegen die Scheidungsraten durch die Unzufriedenheit von Frauen – wegen ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit waren sie finanziell nicht auf Ehemänner angewiesen¹². Außerdem sanken in beiden Teilen Deutschlands die Geburtenraten¹³ – durch die Einführung der Anti-Baby-Pille 1968 in der BRD¹⁴ und 1972 in der DDR konnten sich Frauen nun auch leichter gegen Kinder entscheiden. Familienplanung war in Ostdeutschland einfacher als im Westen: Seit 1972 waren Schwangerschaftsabbrüche legal und es gab kostenlose Verhütungsmittel¹⁵.

In der DDR war es gesellschaftlich und juristisch in Ordnung, alleinerziehend zu sein – Alleinerziehende wurden staatlich finanziell unterstützt¹⁶. In der BRD erhielten Alleinerziehende bis 1998 einen amtlichen Vormund, da ihnen nicht zugetraut wurde, Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen¹⁷.

Waren Frauen in der DDR also gleichberechtigt? Jein – sie hatten mehr Rechte und Möglichkeiten als Frauen in der BRD. Trotzdem waren sie Männern nicht in allen Bereichen gleichgestellt.

Was bleibt?

Seit der Wende arbeiten auch in Westdeutschland immer mehr Frauen, Angebote zur Kinderbetreuung nehmen zu. Das Bild der berufstätigen Frau der DDR hatte großen Einfluss auf Westdeutschland. Im Ansatz mehr Gleichberechtigung auf finanzieller und sozialer Ebene gibt es allerdings immer noch in Ostdeutschland: Auch heute gehen mehr Frauen in den neuen als in den alten Bundesländern arbeiten. In Ostdeutschland wird unbezahlte Arbeit, also Kinderbetreuung und Hausarbeit, gerechter aufgeteilt – aber wie im Westen machen Frauen mehr als Männer. Ostdeutsche Frauen erreichen häufiger Führungspositionen als westdeutsche Frauen und ostdeutsche Männer.

In Ostdeutschland sind sich die Einkommen von Männern und Frauen ähnlicher als in Westdeutschland. Allerdings waren beispielsweise die Regelungen zu Schwangerschaftsabbrüchen in der DDR liberaler. Auch wurden alleinerziehende Frauen besser unterstützt – heute sind alleinerziehende Frauen die Gruppe, die während der Berufstätigkeit und in der Rente am meisten von Armut betroffen ist¹⁸. Die absolute Gleichstellung der Geschlechter wurde weder in der DDR noch bislang im vereinten Deutschland erreicht. Ohne die Entwicklungen in der DDR wären Frauen aber heute wohl noch stärker benachteiligt.

Erstellt von Gesine Stauch

 


Quellenangaben:

[1] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD; https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenrechte-in-westdeutschland-der-zaehe-kampf-um.976.de.html?dram:article_id=421449/
[2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenrechte-in-der-ddr-es-ging-darum-die-frau.976.de.html?dram:article_id=421452
[3] Ibid.
[4] Kaminsky 2014, 70-72
[5] Ibid.
[6] Ibid., S. 77
[7] Domscheit-Berg 2016. https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Erwerbsbeteiligung%20als%20Folge%20von%20Familienpolitik
[8] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[9] Kaminsky 2014, 51; https://www.mdr.de/zeitreise/kinderbetreuung-ddr-102.html; https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[10] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[11] https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51859/frauen-und-68
[12] Kaminsky 2014, 99
[13] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/554952/umfrage/fertilitaetsrate-in-der-brd-und-ddr/
[14] https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51859/frauen-und-68
[15] Ulrike Lembke 2020. https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/30-jahre-geteilter-feminismus/schwangerschaftsabbruch-in-ddr-und-brd
[16] Anna Kaminsky: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/286988/verordnete-emanzipation-frauen-im-geteilten-deutschland
[17] https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD – Familienpolitik BRD
[18] Domscheit-Berg 2016 – https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen?dimension1=division_sp#Familienpolitik%20in%20der%20BRD ,  Abschnitt wirtschaftliche Eigenständigkeit, Fazit